Mit Messer und Gabel die Welt retten

„Die Menschlichkeit des Lebens hängt vor allem von der Qualität der menschlichen Beziehung zur übrigen Schöpfung ab“, betonte René Dubos¹. Der erste Schritt in Richtung inhaltsvollerer und humanerer Lebensphilosophie sollte die Neuentdeckung der Partnerschaft von Mensch und Natur sein. Erste Zeichen einer solchen Gegenströmung zum Mythos des grenzenlosen technologischen und wirtschaftlichen Wachstums glaubte er zu erkennen im wachsenden Interesse an Handwerk, Selberkochen, Folklore und anderen „gestrigen“ Lebensäußerungen.

Tatsächlich begann um jene Zeit das, was sich zum Phänomen Bio-Welle entwickelte. Diese schärfte das Bewusstsein einer wachsenden Zahl von Konsumenten nicht nur im Bereich der Lebensmittel, da aber besonders. Eine durchaus logische Fortsetzung fand diese Welle, die nach wie vor wallt, in einer zweiten Welle: der Welle der Regionalität – auch diese bis heute vor allem im Lebensmittelbereich.

Ist die Welt also in Ordnung?
Beileibe nicht. Trotz all diesen guten Entwicklungen scheint sie noch viel verletzter und zerstörter zu sein – und vor allem in jenen Bereichen, die den Menschen selbst angehen. Denn der entfesselte technische Fortschritt in Verbindung mit der Utopie des wirtschaftlichen Wachstums um jeden Preis hat – sieht man es mit den Augen Dubos – die Welt noch unmenschlicher gemacht: Die Natur zerstört in einem ungeahnten Ausmaße und die Menschen zu Untertanen ihrer Maschinen. Diese haben abschreibungsfähigen Wert, jene hingegen gelten nun in erster Linie als Kostenfaktoren.

Nur wenige Arbeitsplätze lassen die eigene Arbeit noch erfahr- und erfassbar machen. Die Maschinen töten uns sogar; gelassen nehmen wir in Deutschland die täglich mehr als 8,4 Verkehrstoten hin und das über 21-fache an Schwerverletzten (Jahr 2019). Das Hocken in einem Raum mit dem Bildschirm ist unsere Freizeitwelt. Wer draußen ist, steckt sich Lautsprecher ins Ohr und hört Musik vom Player: Natur – nein danke!

40 Jahre nach Dubos sagte der belesene Chef des Hanser-Verlages, Michael Krüger, in einem Interview der Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 1-2009: “Im Grunde ist die (Finanz)Krise folgerichtig: Schon seit Jahren erleben wir eine permanente Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse, alles wird komplizierter, unverständlicher, irrealer. Keiner fühlt sich mehr in der Welt zuhause…….Wir haben die Kontrolle verloren….. Der Mensch ist dabei, sich selbst abzuschaffen. Dazu gehört auch die ungeheuerliche Kulturlosigkeit, die wir dadurch bemänteln, dass wir alles Kultur nennen … Ich muss lachen, wenn von der neuen Wissensgesellschaft geredet wird. Die Wahrheit ist doch, dass wir auf dem besten Wege sind, total zu verblöden. Weit haben wir es gebracht – weit weg von der Natur, die wir Menschen als Naturwesen so dringlich brauchen. Kein Wunder also, dass unsere eigene Natur heftiger denn je protestiert: Noch nie gab es so viele psychisch und physisch Kranke, Ausgebrannte, Überforderte, Fettleibige, Magersüchtige, Frustrierte, vom Leben Enttäuschte.

Doch die Welt ist besser als sie scheint
Als Mitte der 1980er Jahre die Weltveränderung sich beschleunigte – die Hydra der Globalisierung umschlang den Planeten und nistete sich überall ein – waren deren Vorreiter die großen Unternehmen der Lebensmittelindustrie. Mit ihren banalen, uniformen und standardisierten Produkten überschwemmten sie die Märkte und vernichteten überall lokale Traditionen und Produktionen. Wen störte es? Die neue Lebensmittelwelt war ja so praktisch, so billig, so vielfältig! Zum Nutzen der Industrie und des Welthandels förderte der Staat diese Entwicklung und erlaubte bedenkliche Zusatzstoffe, Verfälschungen und Verschleierungen. Zum Wohle der Industrie entfremdeten sich die Menschen nun auch bei ihrem Essen der Natur.

Doch da geschah fast so etwas wie ein Wunder: In Italien, wo sonst, möchte man fragen, erhob 1986 eine kleine Gruppe von Linksintellektuellen ihre Stimme; sie forderten ein Menschenrecht ein: das Recht auf ein gutes, geschmackvolles und gesundes Essen für jedermann, ob reich oder arm – kein Fast Food für die Armen, sondern Slow Food für alle. Nämlich Essen, das nicht nur gut schmeckt, sondern auch mit Respekt zu Natur, Umwelt und Klima erzeugt wird, nachhaltig eben. Ein Essen, das die Vielfalt bewahrt und das kulinarische Erbe der Regionen in den Pflanzenarten und Tierrassen und, ja, auch in den lokalen Speisespezialitäten. Wie ein Lauffeuer breitete sich dieser Ruf aus, fand immer mehr Unterstützer und wurde gar zur Bewegung, die an den Grenzen nicht halt machte und wie ein Tsunami in andere Länder hinein schwappte.

Heute sind Millionen Menschen auf der Seite von Slow Food. Denn viele andere Vereinigungen und Verbände ziehen am gleichen Strang, der da heißt: die Natur bewahren, die Vielfalt schützen, die Umwelt menschlicher machen. Alle Schichten und alle Berufe sind dabei, Menschen aller Altersklassen, aller Hautfarben und Religionen, Wissenschaftler und Bauern, Lebensmittelhandwerker und Gastronomen, Beamte und Studenten, Politiker und Idealisten. Sie alle verändern tagtäglich die Welt mit einem neuen Geist für Qualität, für Verantwortung, für Schönheit, für Naturgerechtigkeit und Nachhaltigkeit.

(©)    Hans-Werner Bunz                                                                                     Foto: © HW Bunz

¹) René Dubos, französisch-US-amerikanischer Mediziner, Mikrobiologe, Umweltaktivist und Autor

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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