Zeitenwende 1

Besichtigung eines verunsicherten Landes

Flüchtlingskrise
Kürzlich saß ich – zufällig – mit zwei gebildeten und auch viel Aktuelles wissenden, deutlich jüngeren Männern, sie könnten das Alter meines Sohnes haben, in einer Trattoria unserer Stadt beieinander beim Abendessen. Das Gespräch brachten meine zwei Tischnachbarn schnell und pessimistisch auf die so genannte Flüchtlingskrise, „so genannte“, weil für mich unklar ist, worauf sich das Wort bezieht: Sind die Flüchtlinge selbst gemeint, die ja aus Krisengebieten geflüchtet sind? Oder ist es ihre unerwartete Vielzahl, weil unsere EU-Partner sie wider alle EU-Regeln zu uns durchschleusen und dies uns verwaltungstechnisch unvorbereitet trifft? Bezieht sich das Wort vor allem auf angebliche Rechtsbrüche – im Großen laut Asylrecht-Paragrafen des Grundgesetzes, im Kleinen bei den Polizei- und Verwaltungsdienststellen, wo man angeblich Verstöße von Flüchtlingen nicht ahnde? Meint man damit die Enttäuschung des Umschlagens der anfänglichen Willkommenskultur unseres Landes ins Gegenteil? Oder ist damit das Entsetzen gemeint über den entfesselten bis zur Mordlust gesteigerten Fremdenhass in vielen Foren und bei den vom rechten Rand angeführten Demonstrationen in den Städten? Ist es vielleicht die bedrohliche Schwächung der Regierung in den Umfragen bei gleichzeitiger Stärkung der rechtslastigen Parteien?

Mir scheint das Wort „Flüchtlingskrise“ ein falsches Wort zu sein, falsch deshalb, weil es impliziert, es sei die Schuld der Flüchtlinge, dass wir bei uns durch sie Probleme haben. Richtiger wäre vielleicht zu sagen: Wir haben eine Verwaltungskrise, weil wir auf die Menge nicht vorbereitet waren. Oder wir haben eine Besitzverlustkrise, weil wir meinen, die Flüchtlinge nehmen uns Wohnungen, nehmen uns Geld weg, weil sie solches erhalten, das aber von unserer Volkswirtschaft erarbeitet wurde, nun aber nicht mehr uns zur Verfügung stehe. Und ganz sicher haben wir eine Fremdenangstkrise, weil die Menschen anders aussehen, unverständlich sprechen und zudem eine unbekannte Religion haben, von der man eigentlich nur Grausliches gehört hat.

(©)   Hans-Werner Bunz                       >>> Siehe auch Zeitenwende  2 und Zeitenwende 3

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

2 Kommentare zu „Zeitenwende 1

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