Bäuerliche Landwirtschaft heute

Wenn wir – vor allem wir Städter und die Siedlungsbewohner am Dorfrand ohne Kontakt zu den Eingesessenen – reden von Bauern, dann haben wir ein festes Bild vor Augen: Ein gemütlicher Bauernhof, je nach Region im traditionellen Stil der Landschaft: auf Etiketten in Süddeutes meist als oberbayrisch, Norddeutsches mit Krüppelwalmdach und Ständerfachwerk. Dieses Bauernhofbild erfüllt die Werbung auf allen Kanälen, aber auch so manche Heimatschnulze im Fernseh-Programm: Die Bäuerin im Stall mit Kühen in Reih und Glied, gackernde Hühner, krähender Hahn im Obstgarten, räkelnder Hund und huschende Katz und hin und wieder den Bauern/die Bäuerin auf’m Traktor aufs Feld/ins Dorf fahrend. Im Hause drinnen ist’s altmodisch gemütlich mit viel Holz, ja, hier wohnten Generationen. Und natürlich sind alle ländlich gekleidet, also irgendwie trachtig oder arbeitend im „Blaumann“. Richtig idyllisch – und ist nichts anderes als ein Schwindel. Es wird des Publikums Wunschbild von heiler Welt bedient, wie sie angeblich einst gewesen sei. Bauernleben war niemals so!

Bauernleben war schwere Arbeit, karger Lohn, fade Kost und wenig Freizeit. Ganz angenehm lebten nur die im Verhältnis wenigen Großgrundbesitzer, ihre Leute freilich nicht. Um 1950 bearbeitete der durchschnittliche Landwirt in der Bundesrepublik 9 Hektar Land. Heute bearbeitet er (im Durchschnitt) etwa 60 Hektar. Betriebe von 100, 200 oder 500 Hektar sind keine Seltenheit, die ganz großen bringen’s auf weit über 1.000 Hektar! Und auch heute leidet der Landwirt unter kargem Lohn, viele unter Existenzangst, drückenden Zinslasten, wenig Freizeit.

Jeder Betrieb ist heute mechanisiert, viele Ställe sind elektronisch gesteuerte Selbstversorger, bei denen ein Chip den Kühen das Futter zuteilt, Unwohlsein meldet und der Melkstand den Tieren selbsttätig das Melkgeschirr anlegt und melkt. Das Wohnen der Tiere auf Spaltenböden über der Jauchegrube in Massenställen gilt als normal, ebenso das üppige Anwenden von Antibiotika und für die Pflanzen das üppige Ausbringen von Kunstdünger und Pestiziden. Es sind nicht nur industrielle Großbetriebe, die so wirtschaften.

Kein Kriterium: Die Größe des Hofes
Für viele ist ein Bauernhof ein Ort mit verschiedenen Nutztieren und einer Palette von Ackerfrüchten. Er ist zudem irgendwie überschaubar groß. All das ist heute nur sehr selten der Fall; denn die Spezialisierung ist längst auch in die Landwirtschaft eingekehrt. Also kann beides, die Vielfalt von Arten und die mäßige Größe der Fläche, nicht als Kriterium für das gelten, was wir heute bäuerliche Landwirtschaft nennen. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Doktor der Agrarwissenschaft, Bio-Landwirt und Vorstands-Vorsitzender von BÖLW (Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft) postuliert in seinem Buch „Es ist genug da. Für alle.“ (Droemer Knaur Verlag, 2015): „Allein die Haltung des Landwirts und seine Art wie er mit Tier, Pflanze und Boden umgeht, macht den Betrieb zur bäuerlichen oder zur industriellen Landwirtschaft.“1

Bäuerliche Landwirtschaft ist sauber und fair
Schon 2005 bezeichnete Slow Food ein gutes Lebensmittel nur alsdas, was zugleich gut, sauber und fair ist. Während „gut“ die kulinarische Güte meint, stehen „sauber“ und „fair“ für die beiden nachstehenden Kategorien, an deren Ausprägung auch Prinz zu Löwenstein die bäuerliche von industrieller Landwirtschaft unterscheidet:

a) Der Umgang mit dem Lebendigen: Ein bäuerlicher Betrieb
– lebe den rücksichtsvollen, pfleglichen und fürsorglichen Umgang mit den Tieren,
– sehe sie als Mitgeschöpfe und behandle sie artgerecht,
– biete den Pflanzen einen lebendigen Boden, dessen Lebendigkeit man bewahre (jawohl, der fruchtbare Boden   ist lebendig: in einer Handvoll Erde gibt es mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde).

Slow Food sagt dies so: „Als sauber gilt ein Lebensmittel, wenn seine Herstellung und der angemessene Konsum weder die Umwelt noch das Wohlergehen der Tiere und die Gesundheit des Menschen beschädigen.“

b) Verantwortung im Sozialen: Bei einem bäuerlichen Betrieb zeige sich
– die unmittelbare Betroffenheit des Betriebsverantwortlichen für die wirtschaftlichen Auswirkungen seiner Entscheidungen,
– im Engagement eines langfristigen, Generationen übergreifenden Bewahrens seiner Produktionsgrundlagen,
– am Erfüllen der Anforderungen an soziale Gerechtigkeit und Fairness.

Slow Food sagt dies so: „Fair sein gegenüber allen am Produktionsprozess Beteiligten.“ Gemeint ist damit soziale Gerechtigkeit wahren, Respekt gegenüber den Arbeitskräften und ihren Fähigkeiten leben sowie eine der Arbeit angemessene Bezahlung gewährleisten.

In diesem Sinne kann auch ein sehr großer landwirtschaftlicher Betrieb, sagen wir 1.000 Hektar oder 5.000 Schweine, wenn er diese Anforderungen erfüllt, für Prinz zu Löwenstein wie für Slow Food ein bäuerlicher sein. Slow Food freilich favorisiert die kleineren Betriebe: sie bieten in der Regel mehr Vielfalt und bedürfen weniger des Großhandels.

(©)    Hans-Werner Bunz                                                        Foto: © Alexandra Herterich 

1) Seite 137ff           

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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