Noch 60 Ernten. Ist dann Schluss?

„Noch 60 Ernten, dann ist Schluss!“ Maria Helena Sameda, Expertin für Ressourcenschutz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schockte mit diesem Satz die Öffentlichkeit im Frühherbst 2015 . Wenn nicht innegehalten werde mit der Verschlechterung der Böden (Degradation), die weltweit nicht nur sehr fortgeschritten sei, sondern auch rasant weiter wachse, dann gäbe es im Jahr 2076 nichts mehr zu essen für den größten Teil der Menschheit.

Wer sich tröstet mit Bezweifeln solchen Voraussagen, sollte sich nicht zu sicher fühlen. Auch beim Thema Klimaerwärmung hielten viele die Voraussagen für Mumpitz oder überzeichnet. Heute leugnen selbst hartnäckige Skeptiker nicht mehr das deutlich schneller wärmer werdende Weltklima: die letzten beiden Jahre waren weltweit die wärmsten seit man Wettermessungen betreibt. Sogar die USA veröffentlichten Anfang August 2015 einen neuen Klimaschutzplan; Präsident Obama sprach vom „größten, bedeutendsten Schritt, den wir jemals gegen den Klimawandel unternommen haben“1.  Und Mitte Dezember verpflichteten sich sogar 194 Staaten  der UN-Klimakonferenz in Paris aktiv zu werden, um die Erwärmung unter 2° Celsius zu halten, wozu die reichen Industrieländer die armen mit 100 Milliarden Dollar jährlich zu unterstützen versprachen! Nur der neue US-Präsident will nichts mehr davon wissen und leugnet sogar die von Menschen verursachte Klimaerwärmung – auch hier ein Mann von vorgestern.

Der geplünderte Planet
Schon immer hat der Mensch durch seine Aktivitäten das Klima beeinflusst. Doch erst mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann es sich global zu erwärmen, erst fast unmerklich, dann fühlbar, besonders in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sprach man noch vor 15 Jahren von 0,8 Grad durchschnittlicher Erwärmung des Weltklimas seit Mitte des 19. Jahrhunderts, sind es heute schon 1 Grad, also 25 Prozent wärmer in 15 Jahren.

Die Ursache dafür ist die Plünderung unseres Planeten in allen Bereichen: Ressourcen, biologische Vielfalt, Bodenfruchtbarkeit; beraubt ihrer natürlichen Reinheit wurden Flüsse, Meere und Luft durch Abfälle, Gase, Verseuchung. In seinem Bericht an den Club of Rome beschreibt Ugo Bardi2 das Ausmaß des Schwunds der im Erdmantel gelagerten Ressourcen und der immer geringer werdenden Ausbeute bei rasant steigenden Kosten und Preisen. Dramatisch ist der Schwund des wohl für die Ernährung der Menschen wichtigsten Minerals: Phosphat. In leicht löslicher Ausführung ein wesentlicher Bestandteil von Kunstdünger, sorgt er für Pflanzenwachstum auch dort, wo der Boden ausgelaugt, ausgeplündert ist; denn dieser Dünger ernährt nur die Pflanze, der Boden hat so gut wie nichts davon. Die so genannte konventionelle Landwirtschaft, in Deutschland bearbeitet sie gut 93 Prozent der Anbauflächen, ist auf diesen Dünger existenziell angewiesen, ohne dessen Phosphat wäre sie am Ende.

Der kanadische Wissenschaftler und Experte für Phosphat-Abbau, Patrick Déry, sieht das Jahr 2048 als das Jahr des Peak Phosphorus, den Punkt, ab dem Phosphat Jahr für Jahr weniger verfügbar sein wird. Andere Experten sehen diesen Gipfel schon im Jahr 2034.3 Ob nun in 20 oder in 30 Jahren: die Schonfrist für eine Änderung der landwirtschaftlichen Produktion in Richtung ökologischer Bewirtschaftung ist kurz, zumal Phosphat ohne das ebenfalls knapper werdende Erdöl, notwendig für Abbau, Transport und Aufbereitung, nicht zu haben ist. Auch die biologisch nachhaltig arbeitende Landwirtschaft braucht in bestimmten Fällen Phosphate, allerdings nur schwer lösliche zur Verbesserung des Bodens,  wenn dieser zu wenig davon aufweist. Doch diese ließen sich aus den bisher ungenutzten Abwässern und Klärschlämmen rückgewinnen: es wären in Deutschland immerhin 50 Prozent der aktuellen Phosphat-Importe3.

(©)   Hans-Werner Bunz                                         Foto: verkümmerte Kohlrabi, © HW Bunz

¹) Süddeutsche Zeitung vom 3.8.2015 (Wikipedia), ²) Ugo Bardi, Der geplünderte Planet, oekom Verlag, ³) dgl. Seiten 122 – 128,

Fortsetzung: Das 6. Sterben der Arten, Teil 2

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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