Achtsamkeit – auch ein Wort für’s Slowfood

Hektisch ist heute alles. Deshalb die große Sehnsucht nach Entschleunigung. Weltfluchtmagazine gibt es bereits, eines heißt sogar „Emotion Slow“. Entschleunigen ist die Methode, Achtsamkeit der Gewinn daraus: „Achtsamkeit ist eine Qualität des menschlichen Bewusstseins, eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Es handelt sich dabei um einen klaren Bewusstseinszustand, der es erlaubt, jede innere und äußere Erfahrung im gegenwärtigen Moment vorurteilsfrei zu registrieren und zuzulassen“, definiert das DFME Deutsches Fachzentrum für Achtsamkeit. „Je bewusster wir unserer Handlungen werden, desto achtsamer werden wir“, sagt Jochen Auer, Leiter der Kreativtherapie, Heiligenfeld Parkklinik, Bad Kissingen1. Und im Grunde ist das auch die Idee, die hinter der weltweiten Slow Food Organisation steht.

Übertragen wir es in unseren Alltag, z.B. dem Einkaufen von Lebensmitteln. Mal schnell zum Supermarkt, zum Diskounter gerannt und möglichst alles, oft viel Fertiges und möglichst Günstiges eingekauft. Nichts gegen das frische Obst und Gemüse, die Flasche Milch, das tiefgefrorene rohe Fischfilet. Aber doch etwas gegen fertige Pommes, die Pizza zum Aufbacken, die H-Milch im plastifizierten Karton, den Joghurt mit Fruchtgeschmack, das fertige Fischfilet in Knusperhülle.  Ja, wer so einkauft spart Zeit, aber wofür?

Mal ehrlich: Befriedigt der „Tatort“, die Liebesschnulze, die Rätselsendung so sehr, dass man, statt sich etwas frisch zu kochen, lieber Fake-Produkte isst, aufgepeppt mit allerlei technisch gewonnenen mysteriösen Zusätzen? Bedenke: Was du isst (und trinkst), wird ein Teil von dir! Gehen wir also achtsam mit uns um – und entschleunigen uns! Da gewinnen wir viel, nicht nur für uns selbst: Der selbstbackende Bäcker kann uns sagen, wo das Mehl herkommt und wie er das Brot, die Brötchen, Wecken, Brezeln, Seelen macht und warum diese anders schmecken. Gehen wir zum Metzger, der weiß, woher die Schweine kommen, woher das Kalb, das Rind, wie sie gehalten wurden und wo er schlachten lässt, weil er nicht selber schlachtet. Und was bei ihm ohne Geschmacksverstärker ist. Und wenn’s einen Wochen-, einen Bauernmarkt gibt: Die Erzeuger aus der Umgebung erzählen, was wie schmeckt, was wie erzeugt wurde, was beim Kochen zu beachten ist, wie man’s garen soll.

So wächst das eigene Wissen, aber auch das eigene Wohlbefinden. Und auch das Selbstgekochte bringt Gewinn: Das Lob der Esser, mehr handwerkliche Fertigkeit und Verfeinerung der eigenen Sinne. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Erkunden der wirklich guten Produkte: Jene, die sehr gut schmecken, die sauber sind, also natur- und klimaschonend erzeugt und frei von künstlichen Zusatzstoffen, und auch dem Erzeuger den gerechten Anteil geben.

Eigentlich ist es leicht, auf diese Weise die Welt selbst ein bisschen besser zu machen und zugleich sich zu entschleunigen: achtsamer mit sich zu werden.

(©)   Hans-Werner Bunz          Foto: Sauerkraut, Schweinefleisch, Orangenschnitz, Röstbrot, Schmand © Helga Bunz

1) Zitat aus Mainpost Nr. 188, 17.08.2018

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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