Cittàslow in Franken – entschleunigt, mitwelt-, gast- & genussfreundlich

Im Jahr 1997, in der zweiten Hälfte des Oktobers, weilte ich kurz vor meiner offiziellen Gründung des Conviviums Mainfranken-Culinarium¹ in Orvieto. Und erlebte meine erste, mich sehr beeindruckende Slow Food Veranstaltung als Teilnehmer des Zweiten Kongresses der Internationalen Slow-Food-Bewegung (16.-19.10.). Im Herzen der Stadt fand er statt: auf dem Felsenhügel. Eine historische Örtlichkeit von wohl 3.000 Jahren: Spektakulärer Dom (siehe Foto), Marktplatz mit erstklassiger Eisdiele, kleine Geschäfte, Handwerker, Theater, kleine Hotels, Enotheken, Restaurants; dazu im Felsen Brunnen, zahllose Höhlen und Tunnel. Was es nicht gibt: Filialen von Ketten; hier im ältesten Teil der Stadt sollte der Amerikanismus draußen bleiben, so der Bürgermeister. Für mich ein Hochgenuss war – wenn es die Zeit erlaubte – durch die Gassen zu schlendern, zu genießen die Architektur der Gebäude, die Blicke in die Landschaft und die Geruhsamkeit mangels regem Autoverkehr.

Nicht lange danach hörte ich von einer Initiative namens Cittàslow: Eine Initiative des Bürgermeisters von Orvieto, eine Stadt mit rund 20.000 Einwohnern. Seit 1999 ein eingetragener Verein, inspiriert von der Slow Food Bewegung, erweitert auf Städte: Bewusstes Leben fördern im Zeichen der Schnecke. Langsame Stadt. Stadt ohne Hast und Hetze. „Eine Gesellschaft, die keine Zeit hat, lebt nicht“, so Ivo Muri, Schweizer Zeitexperte². Orvieto war die erste Stadt, die Cittàslow lebte – inzwischen haben sich viele Städte von dieser Idee begeistern lassen, weltweit. Als Mitglieder dürfen sie höchstens 50.000 Einwohner haben und müssen mindestens 50 % der Kriterien – Umweltpolitik, Infrastrukturpolitik, urbane Qualität, Aufwertung der einheimischen Erzeugnisse, Gastfreundschaft, Bewusstsein und landschaftliche Qualität – in einer Selbstbewertung erfüllen. Und natürlich zahlen die Mitglieder Mitgliedsbeiträge. Das Konzept begeisterte inzwischen viele kleine Städte weltweit in 30 Ländern aller Kontinente – insgesamt über 224 Ortschaften plus sechs große polnische Verwaltungsbezirke. Nicht überraschend: Die meisten Cittàslow-Städte – 82 – sind italienisch; Deutschland ist nach Polen die Nr. 3 mit 18 Orten, darunter auch drei im Fränkischen: Hersbruck, Wirsberg und Bischofsheim³.

Eine gute Möglichkeit Bischofsheim zu genießen, bietet aktuell die Initiative eines Mitglieds von Slow Food Mainfranken Hohenlohe: Am Samstag, 03.08.2019, anlässlich des zweiten Eat-In in dieser sehens- und erlebenswerten Kleinstadt. Eat-In, einst von Slow Food Youth entwickelt, ist eine Art Picknick mit guten, regionalen Lebensmitteln der Saison, die man mit Freude gemeinsam teilt. Mitmachen ist einfach: Selbst Zubereitetes mitbringen für 2-3 Personen; mindestens eine Zutat muss aus der Rhön sein. Im Rentamtshof von Bischofsheim steht ab 18 Uhr eine große Tafel, an der alle Platz nehmen (jeder bringt für sich Geschirr & Besteck mit!): Und schon kann das Festmahl beginnen.

(©)   Hans-Werner Bunz

¹) 2003 umgewandelt in Slow Food Hohenlohe-Tauber-Main-Franken   ²) https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/74758424
³) https://de.wikipedia.org/wiki/Cittaslow                        Foto: Dom von Orvieto © pixibay

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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