Wenn weniger mehr ist

Jetzt denken Sie: „Was für ein spinnerter Satz!“ Wirklich? 1 Gramm reines Gold ist mehr Wert als 1 kg Kartoffeln; andererseits: Wenn Sie 1 g reines Gold haben, aber furchtbaren Hunger, dann sind 1 kg Kartoffeln wesentlich sättigender. Es kommt also auf die Situation an, nicht auf den Wert.

Nicht nur wir Deutschen haben nach dem großen, fünfeinhalb Jahre langen Krieg eine Entwicklung durchgemacht vom Bettelmann zum Verschwender, auch viele andere Länder unseres Globus. Wir leben buchstäblich im Überfluss (selbst die meisten unserer Armen – verglichen mit den Ausgebeuteten in Afrika, Südamerika und Asien). Lebten und verbrauchten alle Menschen wie wir Deutschen, bräuchte es wohl drei Erden. Wie sehr wir anderen Mitmenschen durch unseren Lebensstil schaden zeigt, dass wir heuer bereits seit 3. Mai die für andere Völker gedachten ökologischen Ressourcen unseres Globus nutzen. Noch schlimmer als wir sind nur die USA: sie verbrauchen, als ob es 5 Erden gäbe. Insgesamt verbraucht die Menschheit aktuell Ressourcen von 1,75 Erden¹. Das Fußabdruck-Netzwerk² errechnet dies durch die „Gegenüberstellung der biologischen Kapazität der Erde Ressourcen aufzubauen und Abfälle plus Emissionen aufzunehmen gegenüber dem gesamten Bedarf an nutzbaren Ressorcen und Flächen für die derzeitige menschliche Lebens- und Wirtschaftsweise“ eines jeweiligen Landes.

Nicht nur, dass wir zuviel verzehren – siehe die unübersehbare Übergewichtigkeit unserer Mitbürger (62 % der Männer, 43 % der Frauen³) -, wir verzehren auch falsch: Fleisch aus Massentierhaltung plus zu viel Abfall in der Küche. Als privater Verbraucher schmeißen wir pro Jahr 84 kg Lebensmittel weg. Das sind 234 €! Pro Person! Bei 83 Millionen Menschen in Deutschland also den Gegenwert von 19 Milliarden und 422 Millionen Euro! Hinzu kommt der Abfall auf dem Feld und beim Transport, plus Verluste in der Produktion und im Handel. Plus die massenhaft gewachsene Zahl unserer Fahrzeuge aller Art, unser massenhaftes Fliegen in alle Winkel der Welt, unser massenhaftes Zeit totschlagen auf Kreuzfahrtschiffen, unsere gnadenlose Ausbeutung der Böden, Landschaften, Meere …

Jeder von uns kann was tun
Verzicht heißt das Zauberwort! Weniger, aber dafür besser: Also ökologisch erzeugte Lebensmittel, weitest möglich aus der engeren Region. Keine Fertigspeisen kaufen, selber kochen. Solides kaufen, das lange hält. Reparieren (lassen) statt Neues kaufen. Bei Neuem auf Reparierbarkeit achten. Statt eines SUVs ein kleineres Auto. Mehr mit Bus und Bahn fahren. Mehr zu Fuß gehen. Statt in die Ferne schweifen, das Gute und Schöne in der Nähe besuchen. Garten und Vorgarten vielfältig bepflanzen (gut für Bienen und Insekten) plus ein bisschen eigenes Gemüse und Kräuter. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben bestimmt noch weitere Ideen!

Der Kerl hat gut reden, denken Sie vielleicht. Aber ich versuche, so zu leben. Ich gebe zu, vieles davon wird mir einfach gemacht: Auf dem Marktplatz meiner Stadt ist viermal wöchentlich Markt; die Gärtner kommen aus der unmittelbaren Umgebung, darunter auch ein Bio-Gärtner. Wir kochen und backen selbst. Einige Kräuter bietet unser Garten. Wir haben landwirtschaftliche Bio-Betriebe ringsum, so ist unser täglich Brot – ein Demeter-Holzofenbrot – von einer Bäckerei außerhalb der Stadt mit Filialen in der Stadt, unser Mehl erzeugt ein Öko-Gutshof wenige Kilometer entfernt und ist im Bio-Laden erhältlich, das Fleisch stammt von Bio- und Nichtbio-Betrieben aus der engeren Umgebung, erhältlich beim selbst schlachtenden Metzger, meine Weine – meist Bio – entstehen rund 20 Kilometer entfernt, das Mineralwasser stammt aus der nahen Rhön und ist quasi ums Eck zu kaufen. Unser Mittelklasse-Auto hat inzwischen zehn Jahre auf dem Buckel und läuft und läuft. Nach England – eine Tochter lebt dort – nutzen wir jetzt die Bahn, weil wir nur nach London wollen und dort den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Für unsere dreiwöchigen Urlaubsreisen, eine pro Jahr in eines unserer Nachbarländer, nutzen wir unser Auto, das nur ca. 5,5 Liter pro 100 Kilometer verschlingt. In die Stadt laufe ich täglich die 2,5 km zu Fuß, der Bus bringt mich zurück, meine Frau fährt mit dem Fahrrad, im Winter macht sie’s wie ich. Unsere Landschaften ringsum sind sehr schön und vielgestaltig, so brauchen wir nicht weit zu fahren, um zu wandern.

Fazit: Sieh, das Gute ist so nah!

(©)  Hans-Werner Bunz      
                                                  Foto: Ruine Limpurg-Speckfeld, Steigerwald © Helga Bunz

¹) Germanwatch.org         ²) Footprint Network       ³) Stat. Bundesamt 2019

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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