Bitte mehr Mutterboden!

Neben Luft und Wasser sind Böden, insbesondere Mutterboden, die Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen.  Weltweit buchstäblich verloren haben wir diesen Mutterboden zu einem Drittel: Er ist unfruchtbar geworden, verödet.¹ Viele Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte, bräuchte es, ihn erneut fruchtbar zu machen.

Lebensgrundlage Boden
Es ist der Oberboden, der die Arbeit macht: Er filtert – durch chemische und physikalische Prozesse – die Niederschläge nach Schadstoffen, reinigt und verzögert die Abgabe von Wasser. Hier werden auch die Pflanzennährstoffe aufgeschlossen und umgebaut. Der Mutterboden hat also eine zentrale Funktion – auch im Hinblick auf den Wasserhaushalt.

Ein guter Boden ist ein Boden mit viel Humus²: Eine organische Substanz, erzeugt durch Bodenorganismen – ein lebender Organismus, steckt doch in einer Handvoll Humus mehr Lebendiges als unser Erdball Menschen zählt. Humus kann das drei- bis fünffache seines Volumens als Wasser speichern³. Doch der Aufbau von Humus ist langwierig. Ein von mir sehr geschätzter Winzer, produzierend nach Demeter-Richtlinien, konnte mit konsequenter Kunstdünger-Abstinenz im Laufe der letzten 45 Jahre in einer Parzelle dem ziemlich ausgelaugten Boden wieder einen Anteil von 2 % Humus zufügen – für einen Sandboden ein guter Wert. Schon das war genug, um diese Parzelle gesund und kraftvoll durch den trockenen 2019er Sommer zu bringen.

Das Bodenleben – diese vielfältigen Lebewesen – bindet den Kohlenstoff im Boden, recycelt Nährstoffe und hält die natürlichen Kreisläufe in Gang. Es sorgt für sauberes Wasser, beseitigt Abfälle, ja, sogar Schadstoffe. Eine Schlüsselstellung neben den Bakterien haben die Regenwürmer: bis 100 pro Quadratmeter finden sich in einem guten Boden. Diesen Böden verdanken wir, dass wir Menschen leben können auf unserer Erde: Sie speichern riesige Mengen Kohlenstoff, mehr als die gesamte Biomasse inkl. der Erdatmosphäre.¹ Und wirken zudem zunehmender CO2-Konzentration in der Atmosphäre entgegen. Freilich: Viele unserer heutigen Böden sind inzwischen ziemlich ausgelaugt durch die weltweite industrielle Landwirtschaft. Denn Kunstdünger (vor allem Stickstoff, Phosphor und Kalium, plus als Nährstoffe Schwefel, Magnesium und Calcium) verbessert nicht den Boden, sondern dient ausschließlich der Pflanze.

Wiese versus Acker
Die Pflanzen binden das C (Kohlenstoff) und leiten, was sie nicht selber brauchen, als großen Überschuss über die Wurzeln in den Boden. Weshalb Wiesen und Wälder bis zu 80 % des aufgenommenen Kohlenstoffs im Boden speichern.¹ Bei weitem nicht so günstig fürs Klima sind Äcker. Das Umbrechen der Scholle aktiviert Kleinstlebewesen, wodurch sie CO2 freisetzen, ganz besonders viel bei eingebrachtem Kunstdünger. Tierische Produkte sollten deshalb grundsätzlich nur aus Weidehaltung auf den Teller kommen. Massentierhaltung hingegen verfüttert nur Ackerprodukte: Weizen, Mais und Soja.¹

Wälder sichern den Wasserstand
Alexander von Humboldt (1769 – 1859) erkannte bereits im Jahr 1800 auf seiner Expedition in den Tälern von Aragua, 150 km westlich von Caracas*: Die Abholzung der Wälder zugunsten von Ackerflächen ließ den Wasserspiegel des Valencia-Sees so stark sinken, dass einstige Inseln zu Hügeln wurden. Der Boden hatte das Wasser nicht mehr speichern können, da mit den Bäumen auch Unterholz, Moose und Wurzelsysteme verschwanden. Deshalb sei ein großer, möglichst vielfältiger Waldbestand lebenswichtig fürs „Festhalten“ des Wasser im Boden.

Ein Netz des Lebens
Die Natur unserer Erde ist ein einziger Organismus – ein Netz des Lebens*. Die jahrtausende alte Vorstellung, alle Dinge seien zum Nutzen des Menschen gemacht, gestärkt auch durch die Bibel („Seid fruchtbar…und machet die Erde euch untertan…“.) negierte Alexander von Humboldt als erster und warnte, die Menschen hätten die Macht, die Mitwelt zu zerstören: die Folgen könnten katastrophal sein.Es ist höchste Zeit, dass wir pfleglicher mit den Böden und den Tieren umgehen, ja, mit der ganzen Natur – unserer Mitwelt. Was Politik und Wirtschaft gegenwärtig weltweit den Böden zumutet mit Monokulturen, den Wäldern mit Abholzungen, den Gewässern mit Verschmutzungen und Vergiftungen, ist wie der Lauf der Lemminge: Eine Art der Selbstvernichtung.

(©)   Hans-Werner Bunz                             Foto: Archiv (© Reinhard Benkenstein)

¹) Slow Food Deutschland gU: www.bodenbegreifen.de + Broschüre
²) www.boelw.de/news/boelw-zur-bodenzustandserhebung-landwirtschaft/
      ³) www.vhe.de
*) Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Verlag C.Bertelsmann: ) Seiten 83 – 85;  ) Seite 86

Siehe auch im Ordner Lebensmittel-Ernährung: Unser wichtigstes Kapital: der Boden (12.10.2019), Ordner Politik: Muttererde oder der Schoß des Lebens (02.06.2015)

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

4 Kommentare zu „Bitte mehr Mutterboden!

  1. … kürzlich sprach mich jemand darauf an, dass es auch in den Privatgärten nicht so „sauber“ aussieht, da viele Besitzer auch dort viel Kunstdünger u.ä. ausbringen und sich wenig Gedanken machen , dass die Bewohner einschl.
    auch Kinder dann dort sich aufhalten . Das fand ich recht interessant – denn sicher wird der „Kunstdünger“ oft gedankenlos ausgebracht! Ich finde das passt auch zum Thema „Mutterboden“.

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