Streuobstparadies Franken

Frankenland – Obstland: Hotspots sind Ober- und Unterfranken, aber auch Hohenlohe, das, obwohl württembergisch, urfränkisch ist. In Unterfranken finden sich neben Weinbeeren (52 Sorten)¹ auch vielfältige Hochstamm-Streuobst-Habitate; einer der Schwerpunkte des fränkischen Streuobstanbaus² ist der Landkreis Würzburg. Stattliche Streuobstfelder bieten auch die Rhön, der Steigerwald und die Mainwiesen des bayerischen Untermains. Baumobst produzieren zudem eine Reihe professioneller Baumobstplantagen, vor allem auf der vom Main umgrenzten Fränkischen Platte. Nicht weniger Obstland ist Oberfranken: Auch hier gibt es noch vielfältiges Baumobst; berühmt und begehrt sind besonders die Süßkirschen der Fränkischen Schweiz. Und Hohenlohe ist in Baden-Württemberg sogar ein bedeutendes Baumobstanbaugebiet – neben vielen Baumobstplantagen auch mit vielen Streuobstwiesen.

Streuobstbäume gestalten Landschaft, Klima und Artenvielfalt
Noch bis zum Jahr 1965 waren Streuobstfeld und -wiese Teil der meisten dörflichen Ortsbilder – nicht nur im Fränkischen: auf 250.000 ha wuchsen in Bayern 20 Millionen Streuobstbäume, in Baden-Württemberg auf 225.000 ha rund 18 Millionen. 2013 errechnete man für Baden-Württemberg aufgrund einer Analyse mit Laserscanner und Luftbildern (2007/8) noch 8,2 Millionen Streuobstbäume auf einer Fläche von 102.500 ha; in Bayern ergab eine seriöse Schätzung Streuobst auf 68.750 – 77.500 ha mit 5,5 – 6,2 Mio Streuobstbäumen³ – ein dramatischer Schwund, nicht nur in diesen beiden Bundesländern – überall in Deutschland.

Streuobstfelder waren einst wichtig für die Menschen, aber auch fürs lokale Klima und die Fruchtbarkeit des Bodens. Den Menschen erlaubten sie doppelte Ernten: unten gab’s Gras (für ihre Tiere), ackerbaulich genutzt erntete man Klee, Getreide, Hackfrüchte, Beeren. Und oben das Stein- und Kernobst. Doch Neubauten, Gewerbeansiedlungen und weltweiter Handel, aber vor allem wohl der Emser Beschluss des Bundesernährungsministeriums im Jahr 1953 „…kein Platz mehr für Hoch- und Halbstämme. Streu-, Straßen- und Mischkultur sind zu verwerfen…“ sorgte für die radikale Vernichtung von Streuobstanlagen*. Auch wenn dieser Beschluss längst nicht mehr gilt, ebenso wenig wie die EU-Prämie von 1974 für jeden gefällten Obstbaum, verschwinden nach wie vor viele Bäume, selbst Straßenbäume. Und mit ihrem Verlust ändert sich das Kleinklima und das Landschaftsbild, vermindert sich der Artenreichtum von Pflanzen und Tieren; denn Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensgemeinschaften mit 2.000 bis 5.000 Tierarten, darunter auch Frösche, Reptilien, Feldmäuse, Igel, Fledermäuse, Siebenschläfer, Feldhasen.

Wie vielfältiges Leben schon eine junge Anlage birgt, kann man leicht erleben: Beim Betreten des von Slow Food Mainfranken_Hohenlohe am westlichen Ortsausgang von Sommerach (auf der Weininsel, siehe Foto) im Jahr 2014 angelegten Streuobst-Sortengarten. Finanziert vorwiegend von Baumpaten, beweist die Fülle des Lebens auf diesem Streuobstfeld die den Boden schützend-bedeckende Gräserdecke: Es summt und brummt, krabbelt, fliegt und springt vielfältiges Getier. Auch Feldhasen wurden gesichtet, ja, sogar Eidechsen.

Wertvolle Lebensräume
Streuobstbestände erfüllen viele Funktionen: Sie sind schützendes Habitat und Genreservoir zahlreichter Tier- und Pflanzenarten (viele Tausende sollen es bundesweit sein), als einer der artenreichsten Lebensräume halten sie auch das Wasser im Boden, schützen diesen mit ihrer Pflanzendecke, wirken positiv aufs lokale Klima – und verschönern zudem die Landschaft. Falls Sie sich jetzt fragen, wie man diese Habitate unterstützen und fördern kann: Das einfachste ist, heimische Obstsäfte oder Obstbrände zu bevorzugen – ersteream besten direkt aus der Kelterei. Zwei Keltereien sind mir aktuell bekannt: Die ♥Kelterei Karl Endres KG in Bergrheinfeld nahe Schweinfurt, www.endres-fruchtsaefte.de, auch mit Slow Food verbunden, und Hohenloher Fruchtsäfte GmbH & Co.KG in Schwäbisch Hall, www.hohenloher-fruchtsaefte.de. Bei den feinen Bränden gibt es eine größere Auswahl: Neben vielen Erzeugern, zumeist Mitglieder in einem regionalen Kleinbrenner-Verband, gibt es auch Zusammenschlüsse exquisitere Organisationen, zum Bespiel in Franken die „Rosenhut – Vereinigung fränkischer Edelbrenner e.V.“ (www.rosenhut.de).

(©)   Hans-Werner Bunz                                                  Foto: Slow Food Streuobstwiese im Jahr 2017 © Marius Wittur

 

¹) https://wuerzburgwiki.de/wiki/Fr%C3%A4nkische_Rebsorten, ²) E. Balling, W. Subal, Äpfel und Birnen in Franken, S. 13;
³) www.lfl.bayern.de/mam/cms07/publikationen/daten/schriftenreihe/055679_sr9_2013.pdf, S. 13;
*) www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/20151207, ) www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag15_12_07.pdf, S. 40;

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

2 Kommentare zu „Streuobstparadies Franken

  1. Ja, Streuobstwiesen sind wunderbare Biotope und ihr Obst ist natürlich nicht nur für Säfte nutzbar, sondern auch die Grundlage für köstliche Obstbrände. Wer sich davon persönlich überzeugen möchte, der sollte am letzten Sonntag im Oktober ab 11 Uhr ins tauberfränkische Beckstein (Ortsteil von 97922 Lauda-Königshofen) kommen und bei unserer Brennsaisoneröffnung „Beckstein brennt“ in mehreren örtlichen Brennereien Spirituosen aus einer riesigen Auswahl selbst verkosten. Für das leibliche Wohl ist bestens gesorgt.

  2. Drei Interview Fragen an Dr. Hermann Kolesch, Präsident der Bayerischen Landesanstalt
    für Wein- und Gartenbau, Veitshöchheim
    Können Sie sich, Herr Dr. Kolesch, vorstellen, regionale-touristische Ziele für das Brennerland Franken zu initiieren, die dem erfolgreichen Muster „terroir f“ im Bereich Wein folgen.
    Dr. Hermann Kolesch: „Ich kann mir das nicht nur vorstellen, wir sind schon aktiv dabei. So haben wir für das Tourismuskonzept „Zwei-Ufer-Land“, die Region nordwestlich von Veitshöchheim ein „Streuobsterlebniszentrum“ geplant. Dies schließt auch z.B. einen didaktischen Wanderweg zum Thema Streuobst mit ein.
    Die Streuobstwiesen sind hoch attraktive Kulturlandschaften, die vielfältige Ökosystemdienstleistungen für unsere Gesellschaft erbringen. Ich nenne da nur einige Stichpunkte wie Biodiversität, Genreservoir alte Obstsorten oder die Erholungsfunktion wie die landschaftliche Ästhetik.
    Also entsprechende Obstgärten, Streuobstwiesenlandschaften, Wanderwege markieren, um diese ins Bewusstsein der Bevölkerung zu heben.
    Das ist sicherlich die erforderliche „Hardware“ die benötigt wird. Aber wir brauchen auch Menschen, die dies vermitteln. So bieten wir in diesem Jahr zu ersten Mal eine Zusatzausbildung „Streuobst“ für die Gästeführer Gartenerlebnis Bayern, wie für die Weinerlebnisführer an. Darüber hinaus müssen wir auch digitale Medien verstärkt nutzen. Und ganz besonders wichtig wäre mir für den nordbayerischen Raum ein zentrales „Erlebnis- und Kulturzentrum Streuobst“ mit einer beeindruckenden Architektur, Gastronomie, Fortbildungs- und Schulungsmöglichkeiten einer „Schaubrennerei“ wie einer Imkerei“.

    2) Halten Sie es für möglich, dass man in diesem Zusammenhang markante, saisonale Abläufe der Obstreife hervorhebt.
    Wie man weiß, fuhren früher extra Züge zur Zwetschgenblüte aus dem Stuttgarter Raum an die Mainschleife. Optisch markant ist ja auch die Apfelblüte.
    Der Erhalt dieser Brenner-Obstblüten-Landschaften hat bekanntermaßen entsprechende Valenz für das Fortbestehen der heimischen Biene.
    Und denkt man an den Herbst, ist das Ernteerlebnis von Mirabellen, Zwetschgen und Äpfeln ja auch nicht ohne.
    Dr. Hermann Kolesch: „Das halte ich für einen sehr guten Ansatz. Unsere Landschaften, wie die Brennereien müssen mit Leben erfüllt werden und da sind Veranstaltungen jeglicher Art – klassisch wie ungewöhnlich – ganz wichtig. Das müssen allerdings die Akteure vor Ort leisten. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang ein Netzwerk mit dem Tourismus aufzubauen um auch hier das Thema Natur und Naturerlebnis an unsere Menschen heranzubringen“.

    3) Das mit entsprechenden modernen Social Media Möglichkeiten oder touristischen Apps auf die Freistaat Ebene auszudehnen, also Bayern Brand weiter zu stärken, könnte ein weiteres Ziel sein?
    Dr. Hermann Kolesch: „Wie schon erwähnt ist die Digitalisierung Herausforderung und Chance zugleich. Wir benötigen eine gute Kombination der analogen- also der fühlbaren oder emotionalen Welt mit der Wissens- und Informationsvermittlung der digitalen Welt. Unsere Gesellschaft hat sich zu einer „Aufmerksamkeitsgesellschaft“ entwickelt. Und Aufmerksamkeit erzielt man heute durch die Sozialen Medien und deren digitalen Möglichkeiten wir „Bewegtbild“- also Videos, Augmented Reality oder Virtuel Reality. Aber zum Glück gilt immer noch: „Die stärkste Belohnung für den Menschen ist der Mensch“. Daher muss alles letztendlich wieder bei der Persönlichkeit des Brenners, seinem Handwerk und dem Produkterlebnis in der Streuobstwiese oder der Brennerei enden“.

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