Die Vielfalt-Retter

Es war im Jahr 2013: Bei einer Vorbesprechung zur in Würzburg geplanten Veranstaltung „Alter gemischter Satz“ – ein Wein aus vielerlei historischen und klassischen Rebsorten, typisch für Weinfranken auch heute noch – erzählte der Weinautor Kai Wagner dem Leiter von Slow Food Mainfranken_Hohenlohe, Gerd Sych, von einem relativ großen Weinberg mit „Altem gemischten Satz“. Brachliegend sei er seit einem Jahr. Ein historischer Pfahlweinberg sei er mit Kopferziehung, bei dem drei Stickel (hölzerne, in den Boden geschlagene Stecken als Stützen der Reben) jeden Rebstock „umzingeln“, die Fläche ein steiler Hang, über 1.700 qm, bei einem hübschen fränkischen Dorf, Ickelheim heißt es und sei nahe Bad Windsheim. Ein Besuch vor Ort faszinierte Sych: wurzelechte Rebstöcke mit Kopferziehung – sehr selten heutzutage. 18 Sorten, darunter viele historische, leider alle etwas verwildert. Das weckte den Wunsch, den Weinberg zu erhalten. Aber ohne professionellem Winzer würde es nicht gehen. Und er wurde gefunden: Nach der Veranstaltung in Würzburg meldete sich Ulrich Bürks, Winzer, wohnend kaum 5 Kilometer entfernt vom Ickelheimer Weinberg. Nicht minder erfreulich: auch der Alte-Reben-Experte der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Josef Engelhart, Veitshöchheim, war sehr daran interessiert.

Der Anfang
Es dauerte noch einige Gespräche bis die Verteilung der Rollen klar waren: Bürks als Pächter des Weinbergs, Slow Food Mainfranken_Hohenlohe organisiert die Rebstock-Paten und sorgt für Mithelfer(innen) bei den Weinbergsarbeiten. Und Engelhardt berät fachlich. Gesagt, getan – schon Februar 2014 waren die Patenschaften verkauft, 3.400 Stickel bestellt und so begannen Ende März 2014 die ersten Weinbergsarbeiten: Zuerst die alten Stickel entfernen. Dann die neuen Stickel einschlagen, was drei weitere Treffen des Patenteams erforderte. Und eine ungewohnte Knochenarbeit war, erschwert noch durchs Entfernen von Moos und Seitentrieben der Rebstöcke. Einige Monate später schlossen Laubarbeiten sich an – und die Gewissheit, eine Ernte einfahren zu können. Das geschah am Anfang Oktober: 20 Paten halfen. Das Ergebnis 700 Liter Trauben, die 500 Liter Traubenmost ins Fass brachten.

Der Fortschritt
Da es in Franken eine ganze Reihe von historischen Weinfeldern mit Altem geschmischten Satz gibt, entschloss sich der Fränkische Weinbauverband e.V., in Abstimmung mit der LA für Weinbau und Gartenbau, diese Weine als Alter fränkischer Satz zu benennen – seit 2016 heißen sie offiziell so. Die von Slow Food Mainfranken_Hohenlohe bewirtschaftete Parzelle in der historischen Lage Ickelheimer Schlossberg – wohl die größte ihrer Art in Deutschland – machte inzwischen eine Wandlung durch: eingebrachter organischer Dünger (rund 2 t) belebte die Flora und dadurch auch die Fauna – nicht nur die des Bodens. Auch wurde im Jahr 2016 der „Alte fränkische Satz“, ein Weintypus, ein Passagier der Slow Food Arche des Geschmacks. 2017 startete mit dem Spritzen von biologischen Mitteln der Beginn in die biologische Bewirtschaftung. Heuer nun, im dritten Jahr, wäre der Weinberg sogar soweit, dass seine diesjährige Ernte im kommenden Jahr als Bio-Wein vermarktet werden könnte; Winzer Ulrich Bürks ist Bioland-zertifiziert. Freilich waren die Ausbeuten in beiden Jahren, 2018 und 2019, durch die große Trockenheit recht mäßig, dafür aber kulinarisch sehr gut. Denn das Gute am Alten fränkischen Satz ist: Die Vielfalt seiner Traubensorten garantiert gewissermaßen immer eine Ernte – und ihre Weine haben deshalb jedes Jahr eine etwas andere Farbe und schmecken ebenso jedes Jahr anders. Und so ist man jedes Jahr gespannt auf und jedes Jahr entzückt über den Geschmack. Denn in diesem Wein vom Ickelheimer Schlossberg stecken 18 Individuen.

(©)   Hans-Werner Bunz
Foto: Lese 2019 (18 z.T. historische Rebsorten © Friedrich Barfs

Weitere Erzeuger für den Wein „Alter fränkischer Satz“; mit Slow Food verbunden sind Weinbau Ulrich Bürks (Ickelheimer Schlossberg, obige + 2 weitere Flurstücke), Weinbau Keller (Ramsthaler St. Klausen), Weinbau Götz (Zeller Schlossberg), Weingut Scholtens (Zeller Schlossberg)

Siehe auch Alter fränkischer Satz: schon Goethe liebte ihn“  (07.05.2019)

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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