Das Grüne Kreuz: Bauern in Angst !

Die Zahl der Grünen Kreuze wächst. Es sind fast ausschließlich konventionell produzierende Bauern, die mit dem Kreuz ihre Angst sichtbar machen, die Angst, nicht mehr Bauer sein zu können, aufgeben zu müssen: Das Grüne Kreuz als Menetekel beschwört Untergang. Natürlich möchten sie nicht untergehen, machen Sie doch aus ihrer Sicht alles richtig, wie es die Politik immer wollte, wie sie es auch gelernt haben. Deshalb: keine Veränderungen mehr!
         Die Grünen Kreuze richten sich gegen die Gesellschaft. Warum? Weil immer mehr Menschen Veränderungen der Lebensmittelproduktion wollen: mehr Tierwohl, keine Nitratbelastung von Grundwasser, weder Glyphosat noch andere Fungi-, Herbi- und weitere Pestizide, kurz, immer mehr Menschen wollen einen mitweltfreundlicheren Umgang mit allem: Insekten- und bienenfreundliche Äcker und Wiesen, keine gentechnisch veränderten Pflanzen, mehr Tierwohl, lieber fruchtbare Ackerböden und nitratfreies Grundwasser.

Die Politik – schuldig?
Es ist offensichtlich: Seit Jahrzehnten fördert der deutsche Staat eine Landwirtschaft des Mengen- und Größenwachstums – und seit vielen Jahren auch die EU-Politik mit GAP (Gemeinsame Agrar-Politik). Der Bauer soll Weltmarkt orientiert sein, konkurenzfähig auch mit jenen, die niedrigere Anforderungen begünstigen. In diesem Sinne ist heute ein Schlachthaus ein kleines – so ein mir bekannter Landwirt und Mitglied des Bayerischen Landtags – und nur regional bedeutend mit einer Schlachtkapazität von max. 2000 Schweinen pro Tag (sind ca. 650.000 im Jahr!); die Tiere kämen ausschließlich aus Höfen im Umkreis von 100 km. Industrialisierte Landwirtschaft ist bislang erklärtes Ziel der Politik. Und das ist zugleich der Bauern Problem.

Mit wachsenden Flächen wuchsen die Maschinen, die Schlepper und die Ställe – und mit ihnen deren Kosten. Aber auch die Güllemengen wuchsen und die immer weiter anwachsenden Mengen der Pflanzenschutzmittel: 2017 waren es in Deutschland knapp 116.000 t.¹ Und – vielerorts – auch die Konzentration auf immer weniger Pflanzenarten: Raps, Mais, Weizen – allzu oft nur 1 Fruchtwechsel – Jahr für Jahr. Und in den immer größer werdenden Ställen Hunderte Großvieh, Tausende Schweine, Zig-Tausende Hühner. Doch trotz Wachstum ergibt sich daraus keine gesicherte Zukunft: Auf dem deutschen Markt konkurieren billiger produzierende ausländische Erzeuger, erzwingen Ertrags- verluste durch Wettbewerb im Geschäft mit dem Lebensmittelhandel, der ebenfalls unter Preisdruck steht, zumal viele Konsumenten gerne besonders billig einkaufen.

Warum Bauernhöfe sterben 
Gab es 1950 noch 1,65 Millionen Bauernhöfe in Deutschland, sind es 2018 nur noch 267.000. Allein seit dem Jahr 2000 gaben rund 317.000 Bauernhöfe auf. Preisdruck des Lebensmittelhandels, sinkende Fleisch- und Getreidepreise waren der Grund dafür, aber auch fehlender Nachwuchs.² Besonders litten die kleineren Betriebe; zurück blieben immer mehr große – europaweit: Höfe mit mehr als 100 Hektar vermehrten sich in sechs Jahren zwischen 2007 und 2013 um gut 10 % auf 336.740; parallel ebenso die großen Viehhalter, jene mit über 500 Vieheinheiten (> 500 Rinder, bzw. > 2.500 Schweine, bzw. > 5.000 Schafe).³ So ein Großbetrieb kann auch „nur“ 202 Rinder halten plus 1.500 Schweine oder eine andere Zusammenstellung – und natürlich noch mehr Tiere. Zwar sind immer noch die kleineren Betriebe die Mehrzahl, doch sie kämpfen ums Überleben. Vor allem für sie beantragte Deutschland für deutsche Betriebe aktuell eine Veränderung des GAP-Konzepts: So solle Säule 2 (Entwicklungsprogramme, Mitwelt-/Naturschutz) bei der kommenden GAP von 2021 um 1,5 % auf 6,5 % aufgestockt werden zu Lasten der Säule 1 (Vergütung pro bewirtschafteten Hektar), was gut für die kleineren Betriebe wäre. Doch dagegen wehrt sich vehement der Bauernverband und die meisten Bauern: Säule 1 bringt nämlich richtig Geld – und sicheres, vor allem den Großbetrieben.
       Wo Großbetriebe sich ausbreiten, gehen Arbeitsplätze verloren; über die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Flächen Deutschlands sind inzwischen ihr Eigentum. Wahr ist auch: Deutsche Konsumenten sind ziemlich beziehungslos zur Landwirtschaft; sie leben meist fernab vom Land und die in Dörfern Zugezogenen stört oft das Landwirtschaftliche: Arbeitszeiten (am Sonntag oder gar nachts), Gerüche (es stinkt), Geräusche (krähende Hähne, gackernde Hühner): Der Bauer soll außerhalb sich niederlassen.

Der Konsument – ein Ignorant?
Nein, nur weiß er/sie nicht, vor der Fleischtheke stehend oder vor den Gemüsen, den Milchprodukten, kurz vor allem, was man einkauft, was alles zuvor geschah durch die dafür oft vielen aktiven Hände. Und er/sie weiß nicht, dass billigste Lebensmittel den Bauern existenziell treffen. In einem reichen Land wie Deutschland spendet der Bewohner im Durchschnitt ca. 10,5 % seines Einkommens für Lebensmittel (14 % inklusive Getränke & Tabak). Damit ist er/sie spendabler als andere reiche Nationen, aber viel geiziger als ärmere. Hinzu kommt, dass in der deutschen Gesellschaft immer mehr Konsumenten eine klima- und mitweltverträgliche Lebensmittelproduktion wollen: In Supermärkten seien inzwischen ökologisch-mitweltfreundlich erzeugte Lebensmittel der einzig wachsende Sortimentsteil, wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr.

©   Hans-Werner Bunz               Foto: © BESH: Weideidylle Schwäbisch-Hällischer Schweine

¹) Absatz Pflanzenschutzmittel in Deutschland 2017, S. 9         ²) agrarheute
³) Heinrich Böll Stiftung           *¹) destatis.de

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

3 Kommentare zu „Das Grüne Kreuz: Bauern in Angst !

  1. Als kleiner Betrieb habe ich viele Jahre in der Nische produziert….
    Jetzt erlebe ich wie nach den kleinen Handwerkern in der Lebensmittelproduktion auch die kleinen Betriebe der Landwirtschaft aufgeben…..man wird mürbe gemacht durch die Bürokratie…..
    Nun rebelliert der Bauernstand….angeblich…..
    Nein die Grünen Kreuze stehen auf den Äckern der Bauern die alle ganz begierig waren zu wachsen…..und das hat ja gut funktioniert….Chemie sei dank mit wenig Arbeit viel Fläche…..so wurde es ja auch als gut und richtig gelehrt….
    Und plötzlich kippt die Stimmung….
    Ja genau das passiert was ich immer gesagt hatte und wofür ich oft beschimpft wurde.
    Der Bauer ist jetzt der böse….nicht die Baywa oder die Lehrer in Schule und Uni
    Und schon gar nicht die satten Manager der Dünge und Spritzmittelindustrie.
    Nur
    Jeder der selbständig denken kann weiß
    Weiter wie bisher geht ganz sicher nicht.

  2. Hallo Herr Bunz, ich danke für die Informationen.
    Ich habe lange überlegt, ob ich antworte. Mir ist es aber wichtig als Seniorchef eines kleinen Familienbetriebes, der mit der Landwirtschaft aufgewachsen ist, einen Blick in die Zukunft zu richten.
    Es ist leicht zu fordern, aber offensichtlich schwer für die Mehrzahl der Bevölkerung auch entsprechend zu handeln! (oder handeln zu können?)
    Eine Empfehlung: Einfach mal bei der nächsten Demo hingehen, sachliche Gespräche suchen und sich die Sorgen und Nöte anhören. Nicht vom Fernsehen aus. Die kürzlich zugesagte „Schweige-Milliarde“ (auf Jahre verteilt!) wird an der Situation in der Landwirtschaft nichts ändern und die vielseitigen Mißstände nicht beheben. Selbst biologisch produzierende Betriebe haben mittlerweile Schwierigkeiten ihre Produkte kostendeckend zu verkaufen. Deshalb gibt es genug Biobauern die mit auf die Straße gehen.
    Die kleinbäuerlichen Strukturen werden verschwinden, weil kein Mensch mehr bereit sein wird, 70 Stunden und mehr in der Woche unter derartigen Voraussetzungen in der Landwirtschaft zu arbeiten.
    Die Live-Work-Balance ist inzwischen auch bei der „Landjugend“ angekommen! Der Großteil der Familienbetriebe, wie wir sie heute noch kennen, wird spätestens beim nächsten Generationenwechsel aufgelöst werden.
    Wenn es in Zukunft in Deutschland überhaupt noch möglich sein wird, Landwirtschaft zu betreiben, werden überwiegend Großbetriebe, egal ob biologisch oder konventionell, auf Dauer existenzfähig sein.
    Abgesehen von wenigen kleinen Familienbetrieben die sich weiterhin abrackern, weil sie sich vielleicht durch entsprechende Vielseitigkeit noch behaupten können.
    Herzliche Grüße
    Werner Emmerich

  3. Lieber Herr Emmerich,
    Danke, dass Sie geantwortet haben! Das Thema treibt mich als Slow Fooder in der Tat um. Ja, ich versuche zu verstehen, was da abläuft; persönlich habe ich Klagen bisher nicht von Bio-Landwirten gehört, auch nicht von kleinen Betrieben noch von – mir bekannten – großen. Bei den Winzern erzielen diese auch höhere Erträge durch eine relativ stabile Privatkundschaft. Bei Landwirten mit Tierhaltung und/oder Ackerbau, die selten Privatkundschaft haben, ist die Situation zweifellos anders, aber mir scheint bei jenen, die ich kenne, die Situation gegenwärtig zufriedenstellend, eine Situation, die sich vielleicht bei weiter zunehmender Zahl von Bio-Betrieben ändern könnte, zumal ja schon heute Bio-Großbetriebe aktiv sind.
    Gestern (oder war’s vorgestern?) sah ich einen Fernsehbericht genau zu unserem Thema: überarbeitete „kleine“ Landwirte in Frankreich und Deutschland, die aufgeben mussten oder mehr oder weniger kurz davor stehen, weil sie überfordert sind mit der Arbeit und durch zu geringe Erlöse. Bei jenen fränkischen Weinbauern, die ich persönlich recht gut kenne, meist, aber nicht nur, Bio-Familienbetriebe, habe ich bisher weder Erschöpfung noch Resignation bemerkt; als weitgehende Direktvermarkter erzielen sie offensichtlich doch eine auskömmliche Rendite. Und auch bei den Gartenbaubetrieben auf dem Wochenmarkt sehe ich fröhliche Gesichter und auch Nachfolger, bei Bio- wie konventionellen Betrieben, die mit Begeisterung mitmachen und offensichtlich darin ihre Zukunft sehen.
    Deutschland ist ein Industrieland. Und so sehen Politik und wohl auch viele Vertreter des/der Bauernverband/verbände die Problemlösung im industriellen Wirtschaften: Aber die Natur ist keine Maschine.
    Ihr Hans-Werner Bunz

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