BESH und ihre Bauern- & Bürgerprojekte

Wolpertshausen: Sie waren alle da, die Bauern, die Schweine mästen und züchten, wie auch jene, die Rinder halten: als Mitglieder der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) feierten sie Lichtmess, Tag 2 im Februar. Einst der Tag fürs Auszahlen des Jahreslohns an Mägde und Knechte, zugleich Ende der Dienstpflicht oder/und Neubeginn. Heuer feierte man es zum fünften Mal als Hohenloher Bauerntag, ein Fest, das sogar Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) lockte, eine Rede zu halten, des Lobes voll für den konstruktiven BESH-Beitrag zur Umsetzung der jüngsten gesetzlichen Anforderungen – anderswo kritisiert mit Traktoren-Demo und grünen Kreuzen.

BESH – einzigartig?
Gewiss in seiner heutigen Form: Eine Organisation, gewachsen aus kleinsten Anfängen, die heute weit mehr als ein Großbetrieb ist: Schon vor Jahren hörte ich vom Aufsichtsratvorsitzenden Rudolf Bühler – die BESH ist eine Aktiengesellschaft (AG) – als Jahresumsatz € 100.000.000 (100 Millionen) nennen. Das Besondere dieser AG sind die Anteilseigner: mehr als 1.500 Bauern plus eine mir unbekannte Zahl Bürger der Region. Und die inzwischen bemerkenswerte Vielfalt ihrer Geschäftsfelder. Entstanden einst als Retter des Schwäbisch-Hällischen Landschweins – 1984 in letzter Minute. Der studierte Landwirt Rudolf Bühler, 14. Generation seiner Familie und Entwicklungshelfer, gerade zurückgekehrt aus Indien, erkannte die Notwendigkeit, diese noch Jahrzehnte zuvor in Hohenlohe weit verbreitete Rasse zu retten. Gemeinsam mit sieben weiteren Landwirten begannen die acht Bauern mit sieben Sauen und einem Eber die Wiederbelebung der einst (und heute wieder) liebevoll „Mohrenköpfle“ genannten Rasse: schwarzer Kopf, schwarz auch das Hinterteil – und dazwischen ein silberner Streifen mit anschließendem rosa Rücken, Bauch und Beinen (seit 2014 durch den Autor auch Passagier der Slow Food Arche des Geschmacks*). Längst gibt es wieder mehrere reinrassige Eberlinien und eine Züchtergemeinschaft mit über 350 gekörten Muttertieren, die jährlich um die 6.000 reinrassige Ferkel gebären.

Die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall entstand dann 1988 als Ergebnis von Diskussionen mit Mitbürgern, Natur-, Tierschützern, Vertretern der Verbraucher- zentrale und weiteren Organisationen. Das Wort „Bäuerliche“ im Namen ist wörtlich zu nehmen: Die Anteilseigner sind vor allem die über 1.500 Bauern. Und Rudolf Bühler ihr unangefochtener Aufsichtsratsvorsitzender, Gesicht und Sprecher des gesamten Unternehmens. Es wuchs in den letzten 20 Jahren zu einer ziemlich einzigartigen, weil sozial agierenden großen Unternehmensgruppe. Begonnen mit der Übernahme des städtischen Schlachthofs von Schwäbisch Hall Anfang der 2000er Jahre, dessen Modernisierung zum Erzeugerschlachthof für die Mitglieder (und einige Haller Metzger) und der Angebotserweiterung durch eine Wurstwarenproduktion. Zugleich trennte man die Schlachtung und Fleischverarbeitung der ökologisch aufgewachsenen Tiere; die Gruppe dieser ca. 480 Öko-Bauern sind knapp ein Drittel der Mitgliedergemeinschaft, verwaltet durch die auf ökologische Produkte spezialisierte BESH-Organisation Ecoland.

Doch auch die Zweidrittel-Mehrheit der Bauern arbeitet nach speziellen Regeln, den BESH-Vorschriften: Tiere in Gruppen, nur auf Stroh oder Weide, nur – möglichst aus eigener Produktion – pflanzlich füttern. Beide Gruppierungen – die Bio-Betriebe wie die nach BESH-Regeln arbeitenden – können reinrassige oder mischrassige (Mutter Schwäbisch-Hällisch, Vater z.B. Pietrain) Schweine vermarkten; die mischrassige Version ist mit großem Abstand übermächtig des fettärmeren Fleisches wegen. Vermarktet werden beide mit dem EU-Siegel „Schwäbisch-Hällisches Qualitätsschweinefleisch g.g.A.“ (geschützte geografische Angabe). Das eigene Schlachthaus gewährt den Erzeugern deutlich höhere Preise als der Markt; der anliefernde Bauer erhält sein Geld sofort. Vermarktet werden Fleisch und Wurstwaren über verschiedene Vertriebskanäle, darunter in Wolpertshausen direkt an der A 6 ein BESH eigener, großer Regionalmarkt mit Gastronomie (der Küchenchef ist Mitglied der deutschen Chef Alliance von Slow Food); auch an diesem wie bei weiteren BESH-Märkten sind viele Bauern und Bürger beteiligt. Und schon lange gehören auch hohenloher Kälber und Rinder zum Kerngeschäft, letztere vermarktet als Boeuf de Hohenlohe unter der Marke „Qualitätsfleisch aus Hohenlohe“. Inzwischen sind auch Hohenloher Lämmer und Hohenloher Landgänse im Angebot. Der Erfolg ist inzwischen so groß, dass man längst auch Kundschaft hat außerhalb Hohenlohe: Die ganze Bundesrepublik ist der Rahmen, die Kunden sind Metzgereien und Feinkosthändler.

Noch mehr Geschäftsfelder
Nach dem Haller Schlachthof rettete die BESH auch die Dorfkäserei Geifertshofen, eine kleine, handwerkliche Bio-Heumilch-Käserei: Auch hier sind die 13 familiengeführten Milchbauernhöfe Anteilseigner wie weitere 420 Bürger unter dem Dach der BESH und deren Bio-Organisation Ecoland. Frische Heumilch, die wahrhaft beste Milch, ist Milch aus Weidehaltung auf bunten Wiesen; im Winter verspeisen die Kühe das duftende Heu (keine Silage!). Und diese Milch ist das Ausgangsprodukt der vorzüglichen Käse, die ich bei passender Gelegenheit sehr gerne kaufe. Die Betriebe werden jährlich zertifiziert durch die strengen Organisationen Demeter bzw. Bioland.

Ein Schloss als Akademie
Die BESH sprang auch ein, als 2015 in Kirchberg das Renaissance-Schloss Kirchberg (bis 1861 im Besitz der Fürsten Hohenlohe Kirchberg) vom damaligen Eigentümer, der Evangelischen Heimstiftung, zum Verkauf stand. Das weitgehend leer stehende Schloss (mit Schlossgarten) verwandelte die bereits 2012 von Rudolf Bühler als Sozialwerk der BESH AG gegründete „Gemeinnützige Stiftung Haus der Bauern“ zu einer Mehrzweck-Immobilie: Als Akademie Schloss Kirchberg widmet man sich der ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft und veranstaltet Seminare und Kongresse wie z.B. das World Organic Forum, 11.-13.03.2020. Das Schloss ist aber auch Hotel mit Gastronomie – nicht nur für die Seminarteilnehmer/innen. Und auch Ort für musikalische Aufführungen.

©   Hans-Werner Bunz                     Foto: © BESH – reinrassige Sau mit reinrassigen Ferkeln

*) Arche des Geschmacks      ¹) BESH       ²) Dorfkäserei Geifertshofen        ³) Schloss Kirchberg

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

2 Kommentare zu „BESH und ihre Bauern- & Bürgerprojekte

  1. Ich lach mich tot. Wenn es was umsonst gibt strömen die Massen. Im Unterschied zu Ihnen, Herr Bunz kenne ich viele der Besucher dieser Veranstaltung persönlich. Bauern sind aus meinem Bekanntenkreise keine drunter. Berufliche lebe ich von Dienstleistungen, die ich für Bauern erbringe. Es gibt viele Gänse die mit dem Fuchs Bühler zur Beerdigung gehen. Herr Bunz, sie sind in beste Gesellschaft.
    Wenn Sie Journalist wären, würden Sie 10 Bauern der Besh fragen, wann sie das Geld für ihre Schweine bekommen und nicht irgendwas einfach nachplappern.
    Es ist sehr interessant für mich, was für Geschichten verbreitet wrden – ich warte auf ihren nächsten Blog
    Friedrich Kümmerer

  2. LIeber Herr Kümmerer,
    die schwierige Persönlichkeit von Herrn Bühler ist mir seit langem bekannt und bewusst. Ebenso bekannt ist mir auch, dass die Person Bühler vielen Menschen Anlass zur Kritik gab und gibt, nicht zuletzt vielleicht auch deswegen, weil die Familie Bühler die wichtigsten Schaltstellen in der BESH AG besetzt hält. Dennoch bin ich der Ansicht, dass Bühler etwas geschaffen hat, das offensichtlich – und das Offensichtliche war der große Beifall der Teilnehmer auf Bühlers Rede anlässlich des 5. Hohenloher Bauerntages (ich war anwesend) – im Großen und Ganzen die BESH von den allermeisten als positiv bewertet wird. Wäre man wahrhaftig unzufrieden mit der BESH, hätte man sich sicherlich den Weg nach Wolpertshausen erspart oder gar vor Ort dagegen demonstriert.
    Hans-Werner Bunz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: