Tödlicher Wahn: Grenzenloses Wachstum

Wachstum, Wachstum, Wachstum – das heilige Mantra unserer weltweiten Wirtschaftskultur. Fast zwangsläufig getrieben durch die permanent wachsende Weltbevölkerung: Gab es um 1800 rund 1 Milliarde Menschen auf unserem Globus, waren es hundert Jahre später (1900) nur 650 Millionen mehr, also 1,65 Milliarden. Doch schon 50 Jahre danach, 1950 also, lebten fast eine weitere Milliarde Menschen mehr auf unserer Erde: 2,52 Milliarden. Und weitere 50 Jahre danach, 1999, hatte sich die Zahl der Erdenbürger gar mehr als verdoppelt, um das 2,4-fache, um genau zu sein: auf über 6 Milliarden Menschen. Und Ende dieses Jahres werden wohl 7,8 Milliarden Bewohner unseren Globus beleben. Zwar nehme künftig, so die Schätzungen der Population Division der UN-DESA¹, die Zunahme kontinuierlich ab, dennoch würden Ende des Jahrzehnts wohl fast 9 Milliarden Menschen unsere Erde bevölkern.

Auch wenn, weil allseits rund, unser Globus endlos scheint: er ist es nicht. Obwohl dies jede*r weiß, ist dennoch das nimmer endende Wachstum Ziel von Gesellschaft, Wirtschaft, Regierungen. Erstaunlich auch, niemand ist erschreckt über die unaufhörlich anwachsende Menschenmasse: 2060 werden zwischen neun und zwölf Milliarden Menschen Anspruch erheben auf ein gutes Leben. Aber den meisten wird es dann wohl nicht vergönnt sein, wie schon heute mindestens 850 Millionen weltweit: diese Zahl wird voraussichtlich stark steigen. Weil wir seit Jahrzehnten unsere Mitwelt massiv schädigen: weltweit werden die Ökosysteme der Meere wie die des Landes kaputt gemacht, werden die Wälder vernichtet, ebenso die Artenvielfalt, die Bodenfruchtbarkeit bis zu Wüsteneien verelendet – weltweit. Zwar wächst inzwischen da und dort die Einsicht, dass es so nicht weitergehen dürfe, doch noch sind diese „Rebellen“ eine relativ kleine Minderheit.

Die Gier nach mehr: die Mutter der Zerstörung
Wir Deutsche leben weit über unsere Verhältnisse, noch schlimmer treiben ’s die US-Amerikaner. Gier, in unserem Gesellschaftskodex ein schlimmes, verachtenswertes Verhalten, ist offensichtlich dennoch eine Triebfeder, die in jedem von uns steckt. Doch nicht das Habenwollen ist das Problem, sondern das unbedingte Habenmüssen. In der Wirtschaft muss ein Top-Manager gehen, wenn er nicht die vereinbarten Ziele erreicht, im Privatbereich ist Gier weniger ausgeprägt, aber viele Ehen scheiterten schon daran, weil man weniger hatte als der Nachbar. Und so ist auch im Privaten das Streben nach mehr gesellschaftsfähig, ja, in der Leistungsgesellschaft – und das sind alle Industrie-gesellschaften – sogar eine Art Pflicht. Und so konsumieren diese Leistungsgesell-schaften, als ob die Erde unendlich wäre: US-Amerikaner, lebten alle Menschen so, leben als gäbe es drei Erden, die Deutschen als gäbe es zwei Erden. Wir können es nicht leugnen: Die Industrieländer sorgen mit ihren Techniken fürs Zerstören der Natur: Rund ein Drittel des fruchtbaren Bodens unseres Globus soll inzwischen tot sein, leblos, ausgelaugt, ausgebeutet – und Jahr für Jahr kommt weltweit eine Fläche hinzu, größer als halb Rheinland-Pfalz²: 10.000 qkm. Die kontinuierliche Degradation (Verschlechterung) der Böden freilich ist dramatischer: Jährlich eine Fläche von ca. 2,1 Millionen qkm, fast die Hälfte der Fläche der Europäischen Union; betroffen davon, aber nicht nur, sind vor allem Afrika und Asien³. Je degradierter die Böden, desto unfruchtbarer – am Ende sind sie Wüste. Auch wenn ihr Regenerieren möglich ist, vergehen doch viele Jahrzehnte, vielleicht auch mehr als ein Jahrhundert.

Bescheidenheit ist eine Zier
Dieser Sprichwortanfang sagt, was die Welt retten kann: statt immer mehr, lieber immer weniger. Statt neue Umsatzrekorde lieber bessere Produkte, die länger halten und reparierbar sind. Statt immer noch billiger lieber teurer, dafür aber länger halt- und nutzbar. Statt immer das Neueste wollen, lieber das Geld sparen für etwas, das mitweltfreundlicher ist, langen Gebrauchsnutzen hat. Statt zum Baden in die Karibik fliegen, lieber die engere Heimat entdecken, z.B. per Fahrrad oder wandernd. Statt zum billigen Fertigessen greifen, lieber Zutaten einkaufen bei heimischen Erzeugern auf dem Wochenmarkt, dabei ökologisch erzeugte bevorzugen, auch wenn sie teurer sind, als die konventioneller Landwirtschaft, ist diese doch nicht unerheblich mitweltfeindlich. Und wenn sie nicht gleich mit allem beginnen wollen oder können, beginnen Sie beim Essen. Es hat den weitreichendsten Einfluss auf die Verbesserung der Mitwelt: essen muss schließlich jeder Mensch, glücklich, wer es mehr als nur einmal am Tag genießen darf.

©   Hans-Werner Bunz                                                    Foto: Bauernmarkt © Helga Bunz

¹) Entwicklung Menge Menschheit           ²) statista            ³) Weltagrarbericht 2018

                                                        Siehe auch Beitrag
                                        Bio-Bauernhöfe & andere Bio-Betriebe in

Unterfranken     Oberfranken     Tauberfranken     Hohenlohe/Schwäb. Haller Land                                                               

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

Ein Kommentar zu “Tödlicher Wahn: Grenzenloses Wachstum

  1. Lieber Hans-Werner,
    braucht es für das Verständnis, dass wir die Welt systematisch ausbeuten – nach dem Motto „Macht euch die Erde untertan“ – erst den Lockout?
    Wir haben jetzt die Möglichkeit über unser unsachgemäße Wirtschaften nachzudenken. Wenn nicht jetzt, wann dann?
    Sämtliche Märkte brechen weg, wir müssen nicht nur wegen der veränderten Klimasitutation an unseren zukünftigen Ernten zweifeln, sondern auch wegen den landwirtschaftlichen Helfern aus den osteuropäischen Staaten. Ihr Einsatz auf den heimischen Feldern und Ackerflächen war uns noch nie so bewusst gemacht worden, als jetzt, zur Zeit des coronabediengten Einreisestopps und der Pandemie.
    Ich finde, die derzeitige Situation lässt uns demütiger werden. Ich hoffe, dass dieser Prozess nicht nur bei mir einsetzt sondern auch Einzug in die Chefetagen und Vorstandsbüros findet.
    Uns wird grad die Reichweite unseres Geistes gezeigt. Von jetzt auf heute Abend scheint er bei manchen zu reichen. Produzieren um des verbrauchens Willen? Produzieren um Umsätze zu steigern? Produzieren wir nicht nur für den Müll? Und scheint nicht hier auch die Bilanz maßgeblich zu sein?
    Vielleicht ist uns der kleine Virus in die Welt gelegt worden, damit wir unserer Verantwortung bewusst werden?
    Ich wünsche mir, dass die Demut nicht erst bei mir anfängt, wenn ich mir überlege, wie lange ich den nun die Hose mittlerweile habe. Sind es jetzt 20 oder gar schon 25 Jahre? Und ich habe sie noch immer, trage sie nach wie vor. Hier fängt nämlich alles an, bei der Sichtweise des Einzelnen. Diese Sichtweise wird vielleicht jetzt zurechtgerückt, wo nicht mehr alles nachkaufbar ist. Wo Qualität wieder eine Rolle spielen könnte. Wo einem klar gemacht wird, ob nicht Gesundheit das Erste ist, was zählt.
    Ich wünsche Euch und Ihnen allen Gesundheit und etwas Zeit über unsere Lebensweise nachzudenken. Wir müssen nicht zwangsweise nachholen, was wir glauben, jetzt zu versäumen.

    Mit den besten Grüßen
    Anja Zink

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