Traditionelles Saatgut versus Patentsaatgut

„Wenn ein vom Menschen verursachter Lebensmittelnotstand und eine vom Menschen verursachte Klimakatastrophe zusammentreffen, ist die Auswirkung auf die Menschheit einem Zyklon vergleichbar, der sich mit einem Tsunami überlagert. Bei dieser doppelten Katastrophe kann der größte Teil dessen ausgelöscht werden, was weltweit noch von der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft übrig ist“, so Pat Roy Mooney, Chef der internationalen Bioethik-Organisation ETC Group*, im Slow Food Almanach 2008. Er befürchte, so Mooney, die heißesten fünf Jahre des 20. Jahrhunderts entsprächen den kältesten im gegenwärtigen 21sten. Dieser Klimawandel, Klimanotstand sagen inzwischen viele, beschere Saaten und Vieh so hohe Temperaturen, dass – so Mooney – niemand sagen könne, ob Feldfrüchte und Tiere dies überleben. Der Mann könnte Recht haben: das aktuelle Jahr 2020 hat bereits im April fast keinen Regen gebracht – und davor auch nicht genug, ebenso nicht 2018 und 2019. Am 23.04.2020, titelte meine lokale Tageszeitung „Reicht den Pflanzen das Grundwasser?“ mit beigefügtem Foto eines trostlos braunen Ackers. Nicht genug der Apokalypse: Mooney fürchtete schon 2008, die traditionellen Rassen und Saaten verschwänden, ebenso ihre wilden Verwandten auf Lichtungen und in Wäldern, was als Folge die genetische Vielfalt dezimiere und den Planeten verhindere, sich den Klimaänderungen anzupassen.

Die Macht der Saatgut-Konzerne
Die vier größten beherrschen aktuell rund 70 % des Saatgutmarktes weltweit. Dazu gehören die schweizerische Syngenta, das US Unternehmen Corteva Agrisience und die beiden deutschen Firmen: Bayer-Monsanto als kleinster der vier und BASF als die Nr. 1**. Sie behaupten, ihr Saatgut sei jedem Klima angepasst, gewissermaßen ein Alleskönner.
Ganz anders das traditionelle Saatgut der Bauern: Es ist das Ergebnis des Mikroklimas einer spezifischen Landgemeinschaft; ihr Vorteil bei schnell wechselndem Klima sei ihre Robustheit und Widerstandskraft plus ihre Resistenz gegen Parasiten und Krankheiten, hinzu komme ihre große Vielfältigkeit – alles gegensätzlich zu modernem Saatgut. Doch (leider) war es diesen Saatgut-Riesen gelungen, Handelsvereinbarungen mit den Staaten und der Welthandelsorganisation (WTO) abzuschließen mit der Folge, dass sie den Süden des Globus beherrschen und die Vielfalt – nicht nur des Saatguts – zerstören. Nicht genug damit: Stringente Patentgesetze und –lizenzen verhindern bäuerliche Reproduktionen, fast unmöglich auch der Austausch gegen das eigene, traditionelle Saatgut. Um ganz sicher zu gehen, ließen sich die Saatgutkonzerne hunderte Patente sichern zum Anpassen des Saatguts an Belastungen, was viele, vermutlich gar alle, traditionellen Saaten der Welt sowieso können! Eigentlich ein Skandal: die Saatgut-Konzerne ließen existente, durch die Natur entwickelte „Erfindungen“, für sich patentieren – ein Schelm, wer dabei Nachteiliges vermutet für die Natursorten. Von den Patentämtern in 55 Gruppen zusammengefasst, sind diese „Erfindungen“ fast alle im Besitz der obigen vier.

Noch mehr Gier
Frühzeitig als großes Geschäft erkannten diese BioTech-Unternehmen auch die Bio-Kraftstoffe; seit Jahrzehnten arbeiten sie deshalb mit Erdöl- und Lebensmittel- konzernen zusammen. Aktuell produzieren sie fast 40 Milliarden Liter Agrodiesel pro Jahr – plus 124 Milliarden Liter Ethanol***. Als Agrospritpflanzen dienen vorwiegend Raps, Soja und Palmöl; für Ethanol taugen auch biologische Pflanzenabfälle allerlei Art. Europa bevorzugt Rapsöl als Grundstoff, Soja der amerikanische Doppel-Kontinent, der südostasiatische Raum das Palmöl. So erklärt sich, warum landwirtschaftliche Fluren bei uns in Raps- und Maisfeldern schier ersticken, in südamerikanischen Regionen Wälder und artenreiche Urwälder des Sojas wegen verschwinden, ebenso auch in Südostasien zugunsten endloser Palmölplantagen, alles zu Lasten der pflanzlichen wie der tierichen Vielfalt. Aber seit kurzem hat sich der „Wind gedreht“.

Als erster stellte der „Weltagrarbericht“ die angeblich für die Mitwelt positiven Effekte des Biosprit infrage – alle internationalen Institutionen folgten kurz danach dieser Feststellung: Bio-Kraftstoffe haben so gut wie keine positiven Klima-Effekte! Dafür aber sehr negative Auswirkungen auf Lebensmittelpreise: sie stiegen erheblich; zudem bedrohen die Biokraftstoff-Felder die Lebensmittelproduktion durch ihren Anspruch auf Land und Wasser. Auch reduziere der „Energieaufwand für Anbau und Aufbereitung plus die enormen CO2-Emissionen durchs Abholzen fürs Erschließen von Energie- und Spritanbauflächen im Vergleich zu Erdöl alle Vorteile und können ihn (den Bio-Kraftstoff) ins Negative kippen***. Hinzu komme das Missverhältnis von Landverbrauch: zwei Drittel der Weltackerfläche seien nötig, um nur 20 % des weltweiten Ölverbrauchs zu decken! Also völlig utopisch, so etwas zu denken. Außerdem: Industrielle Monokulturen in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion hätten bei begrenzten Ackerbauflächen und Wasser negative Folgen für die ländliche Kultur, die Beschäftigung und die Mitwelt***.

©   Hans-Werner Bunz            Foto: © Paola Viesi, Slow Food/Terra Madre Almanach 2015

Kleinbauern der Welt geschützt seit Ende 2018. Am 19.11.2018 verabschiedete die UN-Vollversammlung die UN-Erklärung für die „Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen; eingeschlossen sind darin auch andere in ländlichen Regionen Arbeitende“. Zuvor hatte der 3. Ausschuss der UN-Vollversammlung die UN-Erklärung angenommen. Sich dafür eingesetzt hatte sich mit diversen Aktivitäten auch Slow Food Mitglied Rudolf Bühler, Gründer & Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall.

*) Action Group Erosion, Technology, Concentration, **) Die größten Saatgut-Konzerne    ***) Weltagrarbericht

                                                             Siehe auch Beitrag
                                                   Frankens kulinarisches Erbe

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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