Die ökologischen Belastungsgrenzen unseres Globus, Teil 1

Das erste Modell, ein Kreis der ökologischen Belastungsgrenzen natürlicher Systeme, publizierte 2009 der Schwede Johan Rockström et al.; der Australier Will Steffen et al. modifizierte es leicht in Details im Jahr 2015. Diesen Kreis bilden neun gleiche „Kuchenstücke“ – die Belastungsfelder ♦Klimawandel, ♦Neue Substanzen & modifizierte Lebensformen, ♦Ozonverlust in der Stratosphäre, ♦Aerosolgehalt der Atmosphäre, ♦Versauerung der Meere, ♦Biogeochemische Flüsse (geteilt in Stickstoff & Phosphor), ♦Süßwassernutzung, ♦Landnutzungswandel, ♦Intaktheit der Biosphäre (geteilt in Funktionale & Genetische Vielfalt).

Der Kreis enthält drei Zonen: Im Zentrum in Grün der Kreis der sicheren Zone für die Aktivitäten der Menschheit, ihn umringend in Gelb der Kreis der wachsenden Risiken, diesen wiederum umschließt in Rot die Zone der hohen Risiken, verursacht durch die Nichtlinearität und die Destabilisierung des planetarischen Systems. Die Zonen in Grau repräsentieren drei Prozesse: a) Neue Substanzen & modifizierte Lebensformen, b) Aerosolgehalt der Atmosphäre sowie c) Funktionale Vielfalt; alle drei konnten bisher durch ihre Komplexität nicht quantifiziert werden hinsichtlich ihrer kritischen Grenzen wegen fehlender sicherer Werte.

Hochproblematisch sind zwei „Kuchenstücke“: a) Die biogeochemischen Stoffe (biologisch, chemische und physikalische) des Phosphors und besonders des molekularen Stickstoffs (N2), letzterer ist um das Doppelte höher als das maximale Soll der sicheren grünen Zone. Aber noch maßloser ist der Schwund der genetischen Vielfalt, also das pflanzliche und tierische Artensterben. Bereits sehr kritisch ist der Landnutzungswandel, also die Umwandlung von Wäldern und Urwäldern zu Feldern der Intensivlandwirtschaft, aber auch durch Überbauung. Bereits problematisch ist der Klimawandel: Er hat die sichere Zone längst verlassen und bewegt sich in Richtung Rote Zone. Noch im grünen Bereich sind die Versauerung der Meere, diese allerdings schon sehr nahe der gelben Zone, der Zone der wachsenden Riesiken, sowie recht moderat noch der Ozonverlust in der Stratosphäre. Neue Substanzen und modifizierte Lebensformen, ebenso Aerosolgehalt der Atmosphäre sowie die funktionale Vielfalt in der Biosphäre sind zweifellos von enormer Relevanz, erfordern aber weitere Untersuchungen zur Identifikation der kritischen Grenzen.

Der Klimawandel
Der menschengemachte Klimawandel ist ein globales Phänomen und betrifft das ganze physische Umweltsystem des Planeten – und somit auch die agrokulturellen Systeme inklusiver der davon abhängigen Milliarden Menschen mit größeren Risiken zu hungern und zu verarmen. Das Business-as-usual-Szenario, dem die Menschheit gegenwärtig folgt, kann zum Ende dieses Jahrhunderts zu einem globalen Temperaturanstieg bis 5°C führen. Aber es kann auch schlimmer werden, nämlich um 7-8°C heißer als bisher im Sommer, beispielswese in Norditalien, mit verheerenden Folgen für das landwirtschaftliche System. Damit verbunden ist die wachsende Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse, insbesondere Hitzewellen, sintflutartige Regenfälle, Dürren, tropische Hurrikane und Überflutungen mit immer größeren Schäden für die Infrastruktur, die Wirtschaft und die Ernten. Wetter- und klimabezogene Katastrophen sorgten in Europa zwischen 1980 und 2016 bereits für Zerstörungen  im Wert von 450 Milliarden Euro, davon 293 Milliarden Euro durch die Stürme und die 1500 Fluten – mehr als die Hälfte tobten zwischen 1999 bis 2016.

Die Welt von morgen wird uns mehr abverlangen
75 % der extrem heißen Tage können der von Menschen gemachten globalen Erwärmung zugeschrieben werden. Die 2. Hälfte des 21. Jahrhunderts wird wohl als Norm unter außergewöhnlich glühenden Sommern leiden mit riesigen Verlusten in der Agrarlandwirtschaft und großer Leiden der Nutztiere. Auch werden unregelmäßige Regenniederschläge häufiger werden, ebenso Dürren, die zudem erhebliche Investitionen verlangen in Regenwassertanks und neuen, künstlichen Reservoiren sowie für wassersparende Bewässerungssysteme. Aber es wird auch mehr extreme Wolkenbrüche und Fluten geben sowie eine wachsende Bodenerosion. Alle diese Veränderungen verlangen planzliche Kulturen, die mit trockenem Klima besser zurechtkommen. Mit anderen Worten: Vertraute Kulturen werden bei uns nicht mehr gedeihen oder nur in deutlich kühleren Gegenden, weshalb wir – wie schon jetzt Artischoke, Zuchini, Brokkoli, Aubergine u.a. bei uns gedeihen – auch Kulturen aus Nordafrika, naher und ferner Osten bei uns wachsen werden, was auch heißt, dass traditionelle Speisen verloren gehen werden.

Siehe auch
Ökologische Belastungsgrenzen unseres Globus Teil 2

©   Hans-Werner Bunz                                                              Illustration: Steffen et al. 2015

Rockström et al.: 29 Autoren, darunter auch Will Steffen; Steffen et al.: 18 Autoren, darunter auch Rockström und andere Mitautoren der Version von 2009.

Textgrundlage: Climate Change and Food Systems, Luca Mercalli, Alessandra Buffa, Guglielmo Ricarda; das geschützte pdf-Dokument (in Englisch) kann aufgerufen werden zum Herunterladen

Klicke, um auf Eng_sintesi-Mercalli.pdf zuzugreifen

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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