Slow Food Mainfranken_Hohenlohe gab Patenschaft-Streuobstanlage auf

Die Idee zu dieser Hochstamm-Streuobstanlage entstand bei Slow Food Mainfranken_Hohenlohe Ende 2013, verwirklicht wurde sie Im Frühjahr 2014.  Es war Gerd Sych, Leiter dieser Slow Food Regionalgruppe, dem wohl diese Idee zugetragen wurde; das Leitungsteam unterstützte die Idee einer Streuobstanlage auf der Basis von Patenschaften für die Bäume. Es fand sich auch in der lokalen Mitgliederschaft ein Öko-Landwirt für die Pacht (lt. Gesetz muss es ein Landwirt sein) und die Pflege des Geländes und der Jungbäume: Bioland-Landwirt Marius Wittur. Er willigte zu beidem ein: Pächter und fachlicher Betreuer zu sein gegen Kostenersatz von Pacht und Pflege der Bäume und der Anlage. So unterschrieb er den Pachtvertrag und machte sich ans Werk: Das Belegungskonzept mit 84 Bäumen auf dem halben Hektar entwickeln, wobei er auch einen gewissen Ausfall einplante ohne das künftige Bild des Bestands zu beeinträchtigen, eine Liste der 84 Baumfrüchte erstellen, die Bestückung – welche Sorte wo auf der Fläche – konzipieren, den Boden aufbereiten, Stützen für die Jungbäume besorgen, Pflanzlöcher auszuheben, die richtige Erdenmischung produzieren, die Bäume pflanzen, die Stützen einrammen und die Jungbäume anbinden. Dann musste kräftig gegossen werden, die Triebe kurz geschnitten, damit die Wuchskräfte sich den Wurzeln zuwandten. Die Conviviumleitung warb derweil für die Patenschaften – und war sehr erfolgreich.

Die Örtlichkeit: Gelegen ist dieser Hochstamm-Streuobstgarten direkt am Main kurz hinter dem westlichen Ortsausgang des Weinortes Sommerach am südlichen Ende der sogenannten Weininsel: das Werk der Erbauer des Schifffahrtskanals zwischen Volkach und Schwarzach erschuf sie an der südlichen Mainschleife rund um den respektablen Weinberg zwischen Astheim im Westen, Nordheim a.M. (gegenüber Escherndorf) im Norden und Sommerach im Süden. Streuobst und Wein sind gewissermaßen die Charakteristika dieser Landschaft. Wittur, gelernter Baumpfleger und erfolgreicher, ökologisch zertifizierter Bioland-Landwirt für Quittenkulturen, und Kenner von Obstkulturen wählte traditionelle Hochstamm-Sorten aus: als Steinobstarten Kirsche, Pflaume, Reneclaude, Pfirsich, Aprikose, als Kernobstarten Apfel, Birne, Quitte – insgesamt 84 Sorten. Gepflanzt mit großen Abständen in elf Reihen, damit sich die Bäume buchstäblich ausbreiten können. Auch erhielt jedes Bäumchen ein Schild mit dem Namen des Paten, darunter auch einige mit dem Conviviumnamen.

Die Natur: Der erste Sommer (und nicht nur der erste) war heiß und trocken. Hinzu kam, dass unter der Grasnarbe das Hindernis zum Wasser eine – zuvor unbekannte – Sand- und Kiesschicht lagerte, die trotz Wässern der Jungbäume und kurz geschnittener Äste einige schwächeln ließ, was sich ein Schmetterling, der Nachfalter Cassus cassus, genannt „Weidenbohrer“ aus der Familie der Holzbohrer (Cossidae), zunutze machte: Es waren nicht wenige Bäumchen, die kümmerten, und manche verdursteten und mussten ersetzt werden: es waren bis 2017 wohl um die 15, wie Wittur meint; die Kosten für ihren Ersatz bezahlte das Convivium. Leider waren viele Sommer sehr warm und wenig regenreich. Doch seit 2018 wurde kein Baum mehr beschädigt: 69 sind standhaft geblieben. Und von diesen sind mindestens 8 Arten ideal für diesen Standort, ganz besonders die Grüne Reneklode.

Heute nun präsentiert sich die Anlage nicht nur gesund, sondern auch wuchsfreudig. Und zugleich wurde sie auch zu einer ökologischen Insel in dieser Landschaft: Die artenreiche Begrünung darf auswachsen, schützt dadurch den Boden vor Austrocknung, ist zugleich ein Paradies für Hummeln, Wild- und Honigbienen und vielen anderen Insekten: gewissermaßen eine Insel in einem „toten Meer“. So leben einige Feldhasen darin, auch Eidechsen sichtete man, es summt, krabbelt, raschelt, springt und fliegt  vielerlei Kleingetier. Gemulcht wird einmal jährlich eine meterbreite Gasse zwischen den Reihen. In bester Erinnerung sind mir auch die zwei Veranstaltungen für die Paten geblieben, bei denen Wittur über die Entwicklung der Anlage, die Schnittmaßnahmen und die sich steigernde Biodiversität in diesem halben Hektar informierte.

Slow Food Convivium ist ausgestiegen
Die Gründe sind bisher nicht öffentlich geworden, warum die Leitung des Conviviums Mainfranken_Hohenlohe sich überwarf mit dem Pächter. Fakt ist, die Conviviumleitung ließ – wohl Ende April 2020 – Slow Food Deutschland wissen, dass das Convivium nicht mehr an dieser Streuobstanlage beteiligt wäre und auch jeglicher Hinweis auf das Convivium entfernt worden sei. Die Gründe für diese Entscheidung sind nicht bekannt, bekannt ist lediglich, dass seitens der Conviviumleitung ein Dissens mit Wittur bestand, der sich auch darin zeigte, dass ihm, so Wittur, sowohl die Pacht als auch die Pflegekosten für einige Jahre bis heute nicht ersetzt wurden. Das letzte Treffen und Gespräch zwischen dem Conviviumleiter und Wittur war im Frühjahr 2019, bei dem es laut Wittur um eine Aktion für die Paten ging.  Auch die Paten – weitestgehend Mitglieder – wurden bis heute nicht vom Rückzug des Conviviums informiert, geschweige denn eine Erklärung der Gründe dafür.

Pächter Wittur macht weiter
Seit 2018 gibt es keinen Ausfall mehr. Die Anlage enthält heute 69 Bäume, also 15 weniger als ursprünglich gepflanzt; sie sind alle gut angewachsen, haben ihre Wurzeln bis zum Wasser durchgeschoben und treiben kräftig Äste, der eine oder andere hatte schon letztes Jahr ein paar Früchte. Wittur als Pächter wird die Anlage im Rahmen von SAM – Soziales Agrarprojekt Mainschleife gUG (Wittur ist einer der beiden Gründer) weiter betreiben und pflegen nach ökologischen Vorschriften. Die einstige Absicht, eine Anlage zu schaffen, in der man alte Sorten pflegen wollte und studieren, wie sie mit dem Klima und dem Standort zurecht kommen, ist nun die Sache von SAM  – aber auch dessen Gewinn die Erkenntnisse aus dem Verhalten der Bäume im Klima der Region. Erkenntnisse, die künftig zweifellos auch Geld wert sind.

©   Hans-Werner Bunz                                   Foto: © Marius Wittur: Streuobstwiese 2018

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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