Leben auf dem Land war nie idyllisch

Es gibt jede Menge bunter Zeitschriften, die das Landleben idealisieren. Und da gibt es dann auch tatsächlich Leute, Städter, die sich deswegen dort niederlassen. Manche Dörfer haben gar extra Flächen außerhalb des Dorfkerns ausgewiesen, wo man sich sein „Traum“-Haus bauen kann. Aber nach einiger Zeit findet so mancher Neunachbar, das Krähen des Hahns, das Gegackere der Hühner nach dem Eierlegen oder die Kirchglocke sei unerträglich laut – und zieht vor Gericht mit einer Klage.
        Fakt ist: Die Dörfer veröden zunehmend, besonders jene, die weit entfernt sind von einer Stadt. Immer mehr Häuser stehen leer. Immer seltener sieht man junge Leute. Und oftmals auch keine Bauern, sind  diese doch nur noch ein oder zwei, höchstens drei, aber hinausgezogen in ihren neu gebauten Einsiedlerhof, im Dorf war nicht genug Platz für benötigte Erweiterungen. Die Dörfer sterben – die jungen Leute sehen keine Zukunft mehr im Dorf, ziehen weg in die Stadt oder deren Vororte.
        Quicklebendig waren die Dörfer noch vor 70 Jahren: viele aktive Bauern, mindestens ein Dorfwirtshaus als gesellschaftlicher Mittelpunkt, häufig gab’s eine Grundschule, oft auch Läden oder zumindest den Dorfladen, die Kirche war sonntags gut besucht – heute ist das meiste davon Vergangenheit, selbst an Pfarrern und Priestern mangelt’s.

Dramatischer Bauernhöfe-Schwund
Als pars pro toto Baden-Württemberg: Um 1950 gab es landesweit noch viele zehntausende Betriebe, die kaum 5 Hektar bewirtschafteten, 5 – 10 Hektar bewirtschafteten noch 78.640 Höfe, 31.686 verfügten bis 20 ha und galten schon als stattlich; Großbauern waren jene 7.893 Höfe, die bis 50 ha bewirtschafteten – und nur 890 lagen noch darüber. Auch 10 Jahre später hatte sich kaum etwas verändert: man zählte in der gleichen Region insgesamt 334.241 Bauernhöfe, davon 215.909, die weniger als 5 Hektar bewirtschafteten, 70.640 mit 5 – 10 Hektar, 38.767, die über 10 – 20 Hektar verfügten, 8.276 mit 20 – 50 Hektar und gerade mal 649 die noch größer waren.          Doch schon 11 Jahre später war vieles anders: Nur noch 215.430 Höfe insgesamt in Baden-Württemberg: fast 120.000 hatten aufgegeben. Und 2019 waren es nur noch 39.600 Betriebe! Nur 9.300 von ihnen bewirtschaften mehr als 50 Hektar, fast genau so viele (8.900) 20 – 50 Hektar; für die meisten der 21.400 Landwirte mit weniger als 20 Hektar Fläche ist die Landwirtschaft wohl ein Nebenerwerb; ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit ihrer Arbeitsstelle weit außerhalb ihres Dorfes. Ihren dortigen Arbeitsplatz erreichen sie selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weshalb das eigene Auto oder eine Fahrgemeinschaft diese ersetzen.

Die Dörfer veröden
Vielen ist das Fahren zu viel, wenn die Arbeitsstelle weit entfernt ist: Sie verlassen ihr Dorf, ziehen in die Stadt oder in einen der Vororte. Zurück im Dorf bleiben die wenigen, die noch Vollerwerbslandwirt, die noch nebenberuflich ihren Grund und Boden versorgen oder schlicht zu alt sind, um einen Neuanfang in unbekanntem Terrain zu wagen. Weil immer weniger im Dorf wohnten, schlossen die Geschäfte, auch für’s Gasthaus findet sich kein Gastwirt mehr: die Dörfer werden stiller, eintöniger, lebloser. Wer bleibt, hat weite Wege zu überwinden, will er zum Arzt, etwas Einkaufen, Geselligkeit erleben.

Mehr regionale Produkte – die Rettung?
Sie sind in der Tat begehrt – zumindest sagen die Leute das, befragt man sie. Doch selten ist, was verbal so begehrt wird, auch wahr; Fakt ist: Die Kundschaft sucht vor allem das Billige. Weshalb das aktuelle Lebensmittelsystem auch Täuschung erlaubt „durch den Lebensmittelgroßhandel von Aldi bis Netto“, so der Kulturgeograf Prof. Werner Bätzing jüngst in der Mainpostausgabe Nr. 194/2020. „Es würde“, so Bätzing, „unter dem Label „Regionalfenster“ mit staatlicher Hilfe Regionales vorgegaukelt, dabei handele es sich um agroindustrielle Ware.“
        Doch wer wirklich regionale Produkte haben will, kann’s verwirklichen – sogar in vielen Fällen ganz einfach: Als Städter einkaufen auf dem Wochenmarkt. Es gibt ihn in vielen Städten und Städtchen, beschickt werden sie von den Gärtnern und Landwirten, konventionell und ökologisch arbeitenden. Aber auch ein Besuch beim Landwirt und seinem Hofladen lohnt – schon, um sehen, wie und wo der Landwirt arbeitet, wie er seine Tiere hält, was sein Hofladen alles bietet. Und dabei lernt man auch noch – und das kostenfrei – das eine oder andere über Tiere, Pflanzen und die Arbeit eines Landwirts kennen. Besonders interessant für jeden, der etwas für die Mitwelt tun will, sind dafür die ökologisch produzierenden Bio-Landwirte: Sie machen vieles anders, weshalb die Produkte gesünder, natürlicher und verträglicher sind – auch für die Natur und für unseren Planeten.

Ländlicher Raum – ein Verlierer?
Prof. Bätzing verneint dies entschieden; selbst die Traditionen würden immer noch gepflegt, auch gäbe es viele Initiativen von unten. Doch das reiche nicht, so Bätzing, es brauche einen Politikwandel für mehr Freiheiten im ländlichen Raum mit der Folge, dass der ländliche Raum die Basis wäre, „die Städte mit Qualitätsprodukten von Lebensmitteln über Handwerksprodukte bis zu Dienstleistungen zu versorgen“. 

In diesem Sinne empfehle ich die einzigartigen Listen der fränkischen Bio-Bauernhöfe & Bio-Betriebe der nachstenden Regionen hier im Blog „Die Mitwelt“; sie werden kontinuierlich aktualisiert. Als Suchkriterium habe ich die Orte gewählt: einfach die gewünschte Region anklicken:

Unterfranken
Oberfranken
Tauberfranken

Hohenlohe/Schwäbisch Haller Land

©   Hans-Werner Bunz                                       Foto: Erntedankfest © Alexandra Herterich

 

Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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