KI – Die Grenzen des Äußersten

Künstliche Intelligenz ist eine auf ein Äußerstes vorstoßende wissenschaftliche Grenzdisziplin“ – so Prof. Dr. Götz Großklaus, renommierter kulturtheoretisch-kritischer Medienwissenschaftler in der aktuellen Herbst-Ausgabe der Zeitschrift Lettre International, S. 9-12, in seinem Artikel Grenzen des Äußersten. Sein Fokus ist das menschliche Gehirn und dessen zunehmende Beeinflussung: „Es geht darum, die menschlichen Wahrnehmungs- und Verstandesleistungen und die zugeordneten Handlungsmuster in künstlichen neuronalen Netzen abzubilden und entsprechende Operationen des Gehirns einer Maschine übertragen zu können“. Simuliert könne aber nur werden, was verstanden wird, also was die menschlichen Verstandeskräfte leisten. Inzwischen sei es dem Menschen möglich, „…die Steuerungsleistung der menschlichen Intelligenz an eine Maschine zu delegieren“. Dazu dienen künstliche Abbildungen der natürlichen neuronalen Netze, „eine Kopie als Grundbaustein des Nervenzellen-Systems unseres Gehirns, ein simuliertes Gehirn“ also.

KI-Systeme kontaktieren über Sensoren die Außenwelt, vermessen Daten und lesen sie in den Rechenspeicher ein. Diese Wirklichkeit „…kann ein Algorithmus in genau festgesetzten Schritten als Handlungsvorschriften formulieren“ für eine rationale Problemlösung. „Schon längst ist unser Leben“, so Prof. Dr. Götz Grossklaus, „in den unterschiedlichsten Feldern wie etwa Verkehr, Börse, Medizin, Recht, Märkte, Militär, Waffen etc., beherrscht von Entscheidungsprozessen und Handlungssteuerungen über sog. domänespezifisch-künstliche Intelligenzen und Algorithmen – ohne dass uns dies wirklich bewusst ist, ohne unsere Zustimmung“. Gelänge eine totale Simulation des menschlichen Gehirns, ein „Äußerstes“ also, „…würde in diesem Falle die Maxime der Leistung, die Optimierung in Zeiteinheit“ wirksam werden und damit „…das humanum (das menschliche) zur Disposition gestellt werden“.

Denn die Maschine wäre tausend-, wenn nicht millionenfach schneller. Der Mensch betreibe mit „… der Installation einer solchen Superintelligenz seine Selbstabschaffung“. Götz Großklaus: „Die äußerste Freiheit in der Herrschaft der Natur (des Menschen) wird sich für den einzelnen und den Staat in nichts Anderes umwandeln, als in die äußerste Knechtschaft: die Unterwerfung unter die algorithmischen Systeme“.  Und er fügt hinzu ein Zitat des Philosophen Nietzsche: „Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt bleibt übrig? die scheinbare vielleicht? … Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft“.

Der mehr als drei Seiten lange Text in der großformatigen Zeitschrift (Satzspiegel 22,8 x 33,3 cm) endet mit der wenig tröstlichen Vision: Es sei nicht der Leviathan der Zukunft (das Supergehirn des Quantencomputers), der die Macht ergreife, sondern der „... alte Leviathan“ der Biomacht: Der „Volkskörper …“, dem mit rigiden Disziplinierungstechniken und Regulierungsverfahren zu Leibe gerückt werde, immer mit der Vorgabe „…das Recht auf Leben, auf den Körper, auf die Gesundheit auf Dauer garantieren zu können“.

Text: Hans-Werner Bunz, Foto: Sars Covid 2019


Veröffentlicht von hwbunz

Als professioneller Texter sind meine Themen: 1. Die Mitwelt, das sind wir Menschen in der damit verbundenen Naturvielfalt. Dazu gehören unsere Verhaltensweisen und unsere Aktivitäten zum Schaden wie zum Nutzen der Ökosysteme und ihrer Vielfalt. Dieses Spektrum umfasst Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 2. Regionale Ess- und Lebensmittelkultur. Methoden der Lebensmittelerzeugung und der Lebensmittelnutzung. Die ethischen Grundlagen. Genuss und Lebensfreude. 3. Zivilisiertheit, also Bildung, Benehmen und Bewusstheit für Kulturerbe; Sinn für gutes Deutsch, Toleranz und sachliche Diskussionskultur. 4. Verantwortung übernehmen: die Mitwelt - wir Menschen sind ein Teil davon - schützen durch Achtsamkeit. Was letztlich heißt, sich selbst zurücknehmen.

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