Slow Life ist notwendiger denn je

„Die Welt wird immer schneller.“ Ein Satz, so oder so ähnlich immer wieder kolportiert, dient als Metapher der so genannten Schnelllebigkeit unserer Zeit. Fast life sagen andere dazu. Als ob wir schneller und deshalb kürzer lebten. Statt dessen leben wir länger!
Alle neun Monate verdoppele sich das Wissen der Welt, las ich. Bei mir nicht. Und ich kenne auch keinen, bei dem das zuträfe. Hingegen ist gewiss, dass bei vielen das Wissen weniger wird – und da sind nicht die Demenz- oder Altzheimerkranken gemeint. Das fängt beim Nichtkopfrechnenkönnen an und hört beileibe nicht beim Nichtkochenkönnen auf.
Die Spekulanten spekulieren heute im Nanosekundentakt. Wohin das führt, erleben wir seit 2008. Und Schnelllebigkeit unserer Zeit belegen die ständig wachsenden Burn-out-Diagnosen. Oder sind sie in vielen Fällen nicht eher ein Beleg für mangelnde Selbstorganisation, für Entscheidungsangst, für überzogene Partizipation oder Kontrolle?

Kennen Sie das Märchen vom Hasen und dem Igel?
Wenn ja, dann überspringen Sie einfach den Absatz. Wenn nein: Traf eines Tages der Hase einen Igel. Sagte zu ihm: Mei, mei, was bist Du für ein langsamer Geselle. Da sagte der Igel: Wetten, dass ich schneller bin? Ha, ha, lachte der Hase, das wollen wir doch sehen, machen wir ein Wettrennen. Ja, sagte der Igel, aber nicht heute, doch morgen. Und dann machten sie die Strecke aus, die zu laufen war. Am nächtsten Tag standen beide am Start. Du kannst „los“ sagen, sagte der Hase ganz großzügig. Der Igel sagte: Los! Und der Hase lief schnell wie ein Pfeil. Als er am Ziel ankam, kam ihm fröhlich der Igel entgegen und sagte: ich war schneller! Das gibt’s doch nicht, rief der Hase, das machen wir noch einmal. Aber jetzt sage ich los. Okay, sagte der Igel. „Los!“ schrie der Hase und lief schnell wie ein Pfeil die Strecke zurück. Als der dort ankam, war der Igel schon da und sagte: ich war schneller! Da weinte der Hase und lief ganz langsam davon. Der Igel aber lachte und lachte, bis seine Frau vom anderen Ende der Strecke ankam.

Die Geschichte ist ein Loblied auf die die Klugheit. Und auf die Langsamkeit. Lehnen wir uns also zurück. Und gönnen wir uns Zeit. Zum Entdecken der Freuden, die sich uns bieten jeden Tag. Und zum Erkennen der wirklichen Notwendigkeiten, die uns auferlegt sind. Gönnen wir uns Pausen zum Nachdenken. Gönnen wir uns zuhause auch ein wenig Langeweile. Oder ein gutes Buch. Und einen Spaziergang in der Natur, ganz ohne Leistungsdruck. Öffnen wir unsere Sinne für die Welt um uns herum, zum Entdecken ihrer Schönheiten. Setzen wir uns zu Tisch in gemeinsamer Runde und reden miteinander. Und genießen dabei etwas Gutes, Natürliches und fair Erstandenes.

(©)    Hans-Werner Bunz

Siehe auch Ist Slow Life eine Utopie?

 

Über Zeit

Slow Life ist die Kunst des Sich-Zeit-nehmens. Zeit scheint heute ein kostbares Gut zu sein: Keiner hat Zeit. Mein achtjähriger Enkel hat keine Zeit, mit mir mehr als ein paar Worte zu telefonieren: ihn fesselt ein Spiel. Der Berufstätige hat auch keine Zeit, er legt sogar Wert darauf, keine zu haben: es signalisiert Bedeutung. „Zeit ist Geld“ – dieses geflügelte Wort beflügelt alle und lässt sie durch den Tag hetzen, flatterhaft, multi-tasking geschäftig, des einstigen sowjetischen Generalsekretärs Gorbatschows Worte, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, im Nacken.

Genauer betrachtet freilich, hat mein Enkel Zeit – für sein Spiel nämlich; es ist ihm eben wichtiger als sich mit mir zu unterhalten. Er widmet ihm alle Zeit, so lange es ihn interessiert. Manager, die erfolgreichen, haben auch Zeit: sie nehmen sich viel davon, z.B für ihre Mitarbeiter oder das wichtigste Problem.

Ist Zeit Geld?
Das Wort „Zeit ist Geld“ gebar der Prostetantismus: zu seiner Ethik gehörte, Müßiggang zu meiden. Zeit haben hieß, müßig sein, und müßig sein hieß, sündig sein. Folglich war Arbeiten die einzig sündenfreie Alternative. Und so kam es, dass manch protestantische Richtung Reichtum sogar als Gotteslohn für besonders gottgefällige Zeitnutzung sah. Vor allem in den angelsächsischen Ländern – aber nicht nur dort – hat diese Sicht die Zeit zu einer Banalität gemacht: zu einer Art Münze. Doch noch nie gelang es, Zeit in eine allgemein gültige pekuniäre Währung zu übersetzen. Einem Börsianer kann eine Minute verspätetes Reagieren Millionenverluste bescheren, einem Designer tagelanges Kopfzerbrechen zwar eine großartige Idee, aber dennoch keinen geschäftlichen Erfolg bringen. Ist Zeit also Geld? Nein, Zeit ist weder eine Währung, noch ein Konto. Zeit und Geld stehen in keinem inneren Zusammenhang. Wer Zeit hat, hat nicht unbedingt Geld, wer Geld hat, hat nicht unbedingt Zeit. Vergessen wir also diese haarspalterische Schlussfolgerung.

Zeit ist nicht Zeitpunkt
Und wie steht’s mit Gorbatschows Wort „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“? Nicht die Zeit ist hier der Angelpunkt, sondern der Zeitpunkt. Wir kennen das von Verabredungen: Zu spät zum Rendezvous gekommen – die Angebetete verpasst. Wir hatten vielleicht zuvor genug Zeit, doch dem Zeitpunkt hatten wir nicht genug Wichtigkeit beigemessen.

Zeit haben und Zeit nehmen sind zwei verschiedene Fakten: Ersteres ist Gegebenes, durch einen Zeitpunkt begrenzt oder auch nicht, letzteres ist eine Prioritätenentscheidung zugunsten einer bestimmten Angelegenheit – und zu Lasten anderer.

Was hat das mit Slow Life zu tun?
Übersetzt heißt Slow Life eigentlich etwas Unsinniges: Langsames Leben. Freilich: Leben ist nicht langsam oder schnell. Es sind vielmehr wir, die wir – bei Fast Life – meinen gehetzt zu sein, keine Zeit zu haben, die Zeit zu schnell verrinnen zu sehen, weil wir fürchten, die uns – auch von uns selbst – auferlegten Aufgaben nicht zeitgerecht erfüllen zu können. Je mehr wir meinen, äußeren Einflüssen gerecht werden zu müssen, je weniger also unser Wille maßgeblich ist, desto rascher fühlen wir uns in Zeitnot. Wollen aber wir etwas, und zwar etwas Bestimmtes, ist also unser Wille maßgeblich und zielgerichtet, dann nehmen wir uns Zeit genug für das Bestimmte – und lassen gerne etwas anderes bleiben.

Slow Life ist also eher eine Einstellung, denn eine objektive Verlangsamung. Siehe mein achtjähriger Enkel. Und schon gar nicht ist Slow Life kontemplatives Leben oder gar Nichtstun. Slow Life bedingt nur eins: sich zu entscheiden – statt von Vielem ein bisschen, von Wenigem das Ganze.

(©)   Hans-Werner Bunz

Siehe auch Das Zeit-Wörterbüchlein

 

Slow Food statt Fast Life

Fast Life ist das Übel an sich. Ihm etwas entgegen zu setzen, ist ein Kernanliegen von Slow Food. Schon in seinem Manifest von 1989 heißt es: „Wir sind alle von einem Virus befallen: Fast Life“. Und weiter: “Unsere Lebensformen sind umgestürzt, unser häusliches Dasein betroffen – nichts kann sich der Fastfood-Bewegung entziehen.” Fast Life wird als Ursache der Fastfood-Bewegung gesehen. “Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das Fast Life zu verteidigen. ” Und: “Fangen wir gleich bei Tisch mit Slow Food an. Als Antwort auf die Verflachung durch Fastfood entdecken wir die geschmackliche Vielfalt der lokalen Gerichte”, ist die Replik darauf. Slow Food selber sieht sich als Widerstandsbewegung gegen die kulinarische Langeweile von standardisiertem, monokulturellem, industriell hergestelltem Essen und dem damit einhergehenden Kultur- und Werteverlust.

Fast Life wird in diesem Manifest die Schuld für die Veränderung unseres Lebens und vor allem für die Bedrohung unserer Umwelt zugesprochen. Und man proklamiert Slow Food als die richtige Antwort darauf, eine Antwort die im Geschmack liegt, im Austausch von Ideen, Wissen und Projekten für eine bessere, gesündere und Natur wie Klima schonende Lebensmittel-Erzeugung. Slow Foods Fokus ist der essende Mensch (sich Zeit nehmen beim Essen) und die Erzeugung seiner Nahrung (artgerechte und naturnahe Haltung von Tier und Pflanze) sowie das Recht auf Muße, was auch immer das für den einzelnen sein mag in der nicht durch den Beruf beanspruchten Lebenszeit.

Rückblickend gelten für viele die späten 1980er Jahre als heile Welt – im Vergleich zu heute. Die elektronische Umzingelung, Smartphone und Internet haben unser Dasein seitdem enorm beschleunigt und die meisten so zur Omnipräsenz verpflichtet, dass immer mehr Menschen vom Fast Life überfordert sind – und aus der Arbeitswelt ausscheiden: „Burn out“ ist zur Volkskrankheit geworden. Sätze des Slow Food Manifestes wie „Gegen diejenigen, welche Effizienz mit Hektik verwechseln, setzen wir den Bazillus des Genusses und der Gemütlichkeit, was sich in einer geruhsamen und ausgedehnten Lebensfreude manifestiert“, haben heute mehr denn je Gültigkeit und werden von den Verständigen als sicherer Rettungsanker gelebt. Und lauter denn je hallt der Wunsch nach ethisch korrekt, also natur- und artgerecht erzeugten Lebensmitteln für einen Genuss ohne Reue. Immer mehr – vor allem jüngere – Konsumenten werden verständige Ko-Produzenten, deren Wissensdurst ihrer Lebenslust neue Quellen vermittelt. Modische Gewissheiten stürzen ein gleich Kartenhäusern und zutage tritt eine neue Sensibilität für das Gute, das Saubere und das Faire. Slow Food mit seiner Vision ist zur Richtschnur geworden.

(©)   Hans-Werner Bunz                                                                            Foto: © Gasthof Hofmann, Schindelsee

Slow Life revolutioniert das Sein

Die Ökonomisierung des Seins als Vater des Fast life
Zuerst haben wir die Uhr erfunden. Als die Sonnenuhr vor einigen Tausend Jahren entdeckt wurde, begann der Mensch den Tag in Zeitabschnitte zu teilen. Zuerst nur in Vormittag und in Nachmittag. Man begann das Tagwerk, wenn es hell wurde und beendete es, wenn es dunkelte. Bezahlt wurde nach Tagen. Im Sommer hieß das 16 Stunden Arbeitszeit, im Winter vielleicht nur sechs Stunden. Nur in den Klöstern gab es einen anderen Rythmus: ihn bestimmten die Gebete zu bestimmten Zeitpunkten des Tages und sogar der Nacht. Dafür behalf man sich mit Kerzen, in denen Nägel steckten, und beim Abbrennen die Gebetstunde “schlugen”: Die Uhr als Mahner, dass es Wichtigeres gibt als Arbeiten.

Erst Ende des 13. Jahrhunderts wurden mit der Entdeckung der Uhrwerkhemmung die Stunden geboren. Und mit ihnen die Zerteilung des Tages und der Nacht in kleine Einheiten. Damit einher ging – zumindest in Europa – die rasche Verbreitung der Uhr, der Sonnen- wie der mechanischen Uhr. Und zugleich begann sich bei den Menschen das Zeitgefühl zu entwickeln, beschleunigt nach der Erfindung der tragbaren Uhr durch den Nürnberger Peter Henlein. Jahrhunderte lang kultivierten die Europäer dieses Zeitgefühl, bevor es auch in anderen Kulturen Eingang fand.

Benjamin Franklin: Zeit ist Geld
Die Ökonomisierung der Zeit freilich begann wohl mit dem Amerikaner Benjamin Franklin. In seinem 1748 erschienen Buch “Ratschläge für junge Kaufleute” bezieht sich dieser Satz auf die Arbeit¹. Im Zusammenwirken mit der einsetzenden Industrialisierung der Arbeitswelt jagt seitdem der Mensch den Menschen mit der Maschine: Ein Wettlauf, den der Mensch bisher gewonnen hat, aber nur, wenn man jene übersieht, die dabei auf der Strecke blieben und bleiben: Hunderttausende, gar Millionen mögen es sein. Und was ist im Endeffekt der Gewinn für die in der Arena Verbleibenden? Mehr Geld zum mehr Geld ausgeben für mehr Dinge, die man eigentlich nicht braucht, aber kauft, weil man glaubt, das brauche man für das Sein. Rastloser Konsum als Lebenszweck?

Slow Life ist deshalb nichts anderes, als dem eigenen Leben wieder mehr Raum zu geben, ein in sich hineinhorchen und das Erinnern der einstigen Träume. Und dann anfangen, diesen im Leben mehr Raum zu geben.

(©)   Hans-Werner Bunz                               ¹) http://de.wiktionary.org/wiki/Zeit_ist_Geld 

Siehe auch Ist Slow Life eine Utopie? und Slow LIfe ist notwendiger denn je

 

Mit Müßiggang verändert man nicht das System!

Meine versprochene Antwort an Klara von der I-Akademie.

Wir leben in einem falschen System. Immer mehr Menschen auf unserem Planeten – nicht Millionen, nein, Milliarden – leiden darunter, und es werden täglich mehr. Auch die Stimmen mehren sich, die ein anderes System fordern. Vor allem in den renommiertesten Publikationen. In DIE ZEIT Nr. 39/2011 berichtete Susanne Gaschke über einen Besuch bei Tom Hodgkinson, ein Brite, der in seinen Büchern den Müßiggang propagiert als Rettung vor dem System der Ausbeutung von Mensch, Umwelt und Ressourcen. Und diese heißt bei ihm: sich beschränken und bescheiden, sich dem Konsumismus verweigern, und dafür Zeit gewinnen, sich hinzugeben den schönen Dingen wie lesen, plaudern, im Garten oder im Bastelkeller werkeln, zu spielen, auf dem Lande wohnen, gut und fröhlich essen und so viel wie möglich selbst zu machen, weil man damit viel Geld spare, das man deshalb nicht verdienen müsse.

Auch Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), stimmt in einem Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. August 2011 (Online-Ausgabe 15.08.) unter dem Titel „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, dem erzkonservativen englischen Charles Moore zu, der sagt, eine Systemänderung sei notwendig, die Linken (nicht gemeint ist die Partei „Die Linke“) hätten schon lange „verstanden, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnung bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern.“ Und: Der linke Satz, das politische System diene nur den Reichen, dieser bislang von den Bürgerlichen als falsch eingeschätzte Satz, sei nun ein richtiger, sagt Moore. Frank Schirrmacher fügt hinzu, die Krise der bürgerlichen Werte sei allgegenwärtig, aber das bürgerliche konservative Establishment (in Deutschland) habe keine Antwort darauf.

Hodgkinsons Wehr gegen das System ist der Rückzug ins Private, verbunden mit dem Aufruf: „Macht es wie ich, seht her, es geht!“ Sein ist die Hoffnung, wenn viele so handeln, dann ändert sich was. Aber das ist wie bei vielen grundsätzlichen, neuen Ideen: Es dauert Jahrzehnte, bis sich überhaupt ein nennenswerter Erfolg zeigt. Das Beispiel Bio-Lebensmittel zeigt es überdeutlich: mehr als 30 Jahre sind vergangen und noch immer ist die Bio-Lebensmittelproduktion in Deutschland nur bei rund fünf Prozent der Gesamtproduktion. Hodgkinsons Einstellung ist ehrenwert, aber wenig effektiv.

Die Analyse von Moore und ihre Unterstützung durch Frank Schirrmacher und andere war und ist wichtig und richtig und notwendig gewesen. Denn sie sind äußerst respektierte und der Neiddiskussion oder linker Sozialromantik völlig unverdächtige Personen mit großem Einfluss. Sie haben eine Diskussion angestoßen, die noch lange nicht zu Ende sein wird. Und das ist gut so. Aber weiß man, was am Ende – und wann wird das wohl sein? – dabei heraus kommt?

Fast unbemerkt – und wenn, dann von vielen Journalisten als elitärer Club gut situierter Genießer diffamiert, weil dieser nicht nur für alle Menschen das Recht auf Essen, sondern auf genussreiches Essen fordert – hatte Slow Food aber schon vor über 20 Jahren das formuliert, was heute in den renommiertesten Zeitungen über das System, in dem wir leben und unter dem wir leiden, beklagt wird. Und es war mehr als eine Analyse, es war ein Aufruf zur Tat, zur wehrhaften, aber gewaltfreien, ja, zur genussreichen Tat: Im Manifest von 1989 heißt es „…Wir sind alle von einem Virus befallen: Fast Life! Unsere Lebensformen sind umgestürzt, unser häusliches Dasein betroffen – nichts kann sich der Fastfood-Bewegung entziehen. Aber der Homo sapiens muss sich von einer ihn vernichtenden Beschleunigung befreien und zu einer ihm gemäßen Lebensführung zurückkehren. Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das > Fast Life < zu verteidigen…“

Es blieb nicht bei der Forderung. Im Gegenteil, Slow Food hat in den vergangenen gut 20 Jahren weltweit auf vielen Ebenen viel getan, das weltweite System des Fast Life, dessen Turbomotor der Konsumismus und – für jedermann sichtbar in der Finanzmarkt-Ökonmie – der enthemmte Kapitalismus ist, zu konterkarieren in seinen Auswirkungen durch die Verwirklichung alternativer Wirtschafts- und Lebensformen in aller Welt. Und mehr und mehr Weltorganisationen hören mehr und mehr auf das, was Slow Food sagt und tut. Die Projekte hier aufzuführen und auch die Erfolge führe zu weit, deshalb empfehle ich die Webseiten http://www.slowfood.com sowie http://www.terramadre.org.

(©)    Hans-Werner Bunz

Ist Slow Life eine Utopie?

Rennen Sie sofort zum Telefon, wenn es läutet? Und werden Sie unruhig, wenn Sie niemand anruft? Haben Sie Ihr Handy, ihr Smart Phone immer dabei und auf Empfang gestellt? Simsen und Twittern Sie tüchtig? Ist Ihr erster Blick auf den E-Mail-Eingang nach dem Öffnen Ihres Rechners? Blicken Sie schnell morgens auf Ihre Online-Zeitung? Sind Sie Mitglied bei Facebook und haben viele aktive Freunde? Läuft der Fernseher oder das Radio bei Ihnen von morgens bis abends? Nutzen Sie Ihr privates Faxgerät häufig oder bekommen darauf Post? Hören Sie Musik beim Joggen im Wald? Wissen Sie oft nicht, wo Ihnen der Kopf steht? Klagen Sie, dass Sie zuviel um die Ohren hätten? Dann geht es Ihnen so, wie vielen, zu vielen von uns. Und wenn Sie dann noch weite Wege zur Arbeit haben oder zum Einkaufen, die Kinder zum Sport, Ballett, zum Musizieren oder zur Nachhilfe bringen müssen, sich noch im Elternbeirat oder ehrenamtlich engagieren – dann, ja dann haben sie das volle Programm. Kein Wunder also, wenn Sie sich ständig gehetzt fühlen, häufig das Gefühl haben, es nicht zu schaffen.

Wir haben jede Menge Maschinen erfunden, die uns Zeit sparen: Das Auto – wir kamen nie schneller an einen anderen Ort, die E-Mail – dagegen ist die Post eine Schnecke, das Fernsehen oder Radio – wir haben die neuesten Nachrichten aus aller Welt in Echtzeit im Haus. Doch statt die gewonnene Zeit für uns zu nutzen, zwingen uns die neuen Maschinen zu rascher Reaktion oder verleiten uns, statt in der Stadt mit Infrastruktur weit draußen im Dorf zu wohnen ohne eine solche.

Alle Welt lebt so. Und weil das so ist, fühlen wir uns gedrängt mitzuhalten. Wir fürchten, täten wir es nicht, ausgegrenzt zu werden, an den Rand gedrängt. Und – seien wir ehrlich: Wir genießen das Tempo auch, das keine Zeit haben, von anderen immer gefordert zu sein und überall dabei zu sein und bei allem mitzureden und mitzuwirken. Ein Leben ohne Streß, Hetze, Erlebnisfülle scheint uns kein „reiches“ Leben zu sein. Im Innersten freilich wissen wir, dass dieses „reiche“ Leben ein armes Leben ist. Und so versuchen wir im Urlaub, an Weihnachten oder an einem Wochenende das wahre reiche Leben zu leben – und scheitern meist daran, weil wir es voll packen mit Erwartungen und Planungen. Ist Slow Life, das entschleunigte Leben, also eine Utopie?

(©)   Hans-Werner Bunz

Siehe auch Slow Life revolutioniert das Sein und Slow Life ist notwendiger denn je      sowie Slow Life ist weder Müßiggang noch Pennen